27.3.2009

Improvisation in der Musik (5)

(Themenanfang)

Donna Lee (Eingangsphrase)


Die oben stehende Phrase (man muß die Noten nicht lesen können, um das Folgende zu verstehen) bildet die ersten Takte in der Charlie-Parker-Nummer „Donna Lee”. Jeder E-Bassist, der sein Instrument im Jazz einsetzt, wird sie kennen und wahrscheinlich auch (in „Up Tempo” - also schnell) spielen können - Jaco Pastorius beginnt mit diesem Stück sein Soloalbum (1976), das so etwas wie den heiligen Gral für all jene E-Bassisten darstellt, die versuchen, in seine Stapfen zu treten.

Umso überraschter war ich, als ich während meines Studiums ziemlich jedes jemals aufgenommene Solo von Charlie Parker zu hören bekam, und mehr als einmal (ich kann die genaue Zahl nicht mehr erinnern) exakt diese Phrase in jeweils anderen Zusammenhängen auftauchte. Tatsächlich handelt es sich bei „Donna Lee” im Grunde um ein notiertes Parker-Solo über eine recht gängige Akkordfolge - und es stellte sich heraus, daß Parker ein Pattern-Spieler war.

Kein Musiker erfindet während der Improvisation völlig neue Dinge, Sachen etwa, die er nie zuvor gespielt hat. All das Material, das ihm zur Verfügung steht, hat er sich zuvor mehr oder weniger hart erarbeitet. Das gilt selbst für die Geräusch- und Klapperorgien im ganz harten Freejazz, wo die Musiker gelegentlich ihre Instrumente in ihre Bestandteile zerlegen, diese hinterher untereinander tauschten, um damit auf ein Becken zu hauen oder mit dem Mundstück des Saxophons zu quietschen: selbst das ist mehr oder weniger im Vorfeld erkundet und erprobt.

Dabei macht es aber schon einen Unterschied, ob jemand mehrtaktige Phrasen, die über komplette Akkordfolgen gehen, einübt und hinterher wörtlich immer wieder verwendet, oder ob bestimmte Akkordbrechungen oder Skalenläufe geübt werden, die sich dann in der Improvisation zu immer neuen Gebilden miteinander verknoten lassen. Pattern-Spieler sind notorisch nicht nur für ein eher begrenztes Repertoire an neuen Formeln, sondern auch für ihre Neigung, ihre Phrasen auch dort abzuspulen, wo sie überhaupt nicht passen - über Akkordfolgen etwa, für die sie keine vorgefertigten Versatzstücke in Petto haben.

Insofern war es keine schlechte Überraschung, hier ausgerechnet einer legendären Gestalt wie Charlie Parker auf die Schliche zu kommen. (OK, ganz so dramatisch ist das wohl nicht, hat doch fast jeder Solist zumindest die eine oder andere längere Phrase auswendig gelernt, die er dann - neben anderem - gelegentlich einwirft.)

Die Alternative besteht darin, sich mit dem harmonischen Material auf grundsätzliche Weise zu nähern: man lernt, die Akkorde in einzelne Töne zu „brechen” und die zu ihnen gehörenden Tonleiter - „Skalen” - zu spielen. Es gibt eine verbreitete Theorie, mit der man die „Changes” funktionsharmonisch deuten und ihnen anhand ihrer Funktion eine Skala zuordnen kann - sie stammt von der „Berkley School of Jazz” und hat sich weitgehend etabliert. (Dazu gehört natürlich, daß sich von dieser Theorie zahllose Varianten und Untervarianten gebildet haben, deren Vertreter gelegentlich äußerst gereizt miteinander umgehen, wenn es um Fragen geht wie jene, ob in einem G9-Akkord die Septe schon enthalten ist oder nicht.)

Schüler und Studenten lernen zunächst, diese Skalen zu spielen - und weil es davon eine ganze Menge gibt, sind sie damit die nächsten Jahre gut beschäftigt. In einem typischen Vorspiel an einer Musikschule finden sich dann immer wieder Improvisationsversuche, bei denen eine Skala an die andere gereiht wird - und weil man die ja immer von Grundton zu Grundton geübt hat, hakt es bei jedem Taktwechsel, wo der nächste Akkord und damit die nächste Skala folgt. Man kann schon von Glück reden, wenn die nächste Nummer modal ist und die Schüler sich auf nur eine Skala beschränken können - und wo sie dann auch kein Problem haben, sie immer komplett von unten nach oben zu spielen.

[Wird fortgesetzt.]

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