Bildermaschinen
Im Grunde braucht ein Fotoapparat neben dem Auslöseknopf lediglich drei Einstellmöglichkeiten (von denen zwei genau genommen zum Objektiv gehören): Belichtungszeit, Blendenöffnung, und Fokussierung. Letzteres ist einfach: man stellt das Objektiv auf eine bestimmte Entfernung scharf. Belichtungszeit und Blende regulieren gemeinsam die Menge Licht, die nach dem Auslösen auf den Film (oder den digitalen Fotochip) fällt, und bestimmen damit über die Belichtung der Aufnahme. Je kürzer die Belichtungszeit ist und je weiter die Blende geschlossen wird, desto weniger Licht fällt auf den Film, und desto dunkler wird die Aufnahme. Blendenzahl und Belichtungszeit stehen einander in Abhängigkeit, und müssen „zueinander passen”, wenn man ein ausgewogen belichtetes Foto bekommen will.
Es ist durchaus möglich, mit „falsch” - also über- oder unterbelichteten - Bildern bewußt bestimmte Wirkungen zu erzielen; insofern bietet der Umgang mit Blende und Belichtungszeit durchaus gestalterische Möglichkeiten. M.E. gehört dies jedoch in die Nachbearbeitung im Fotolabor oder am Computer. Eine korrekt belichtete Aufnahme kann man hinterher immer noch „falsch” abbilden, wohingegen eine inkorrekt belichtete Aufnahme unstrukturiert rein weiße oder schwarze Flächen aufweisen kann, bei denen jede Nachbearbeitung prinzipiell unmöglich ist. Das gilt für kontrastreiche Situationen - die ja idR auch Gelegenheit für die interessantesten Fotos bieten - mehr als für kontrastarme, und weitaus mehr für digitale als für analoge Fotos .
Die gewählte Blende hat Einfluß auf die Schärfentiefe, während die Verschlußzeit darüber bestimmt, ob bewegte Objekte unscharf werden oder „eingefroren” wirken. Wenn man ein Portrait macht, will man idR das scharfgestellte Gesicht vor einen unscharfen Hintergrund stellen, und wählt eine große Blende und eine kurze Belichtungszeit; gleiches gilt - wenn auch aus anderen Gründen -, wenn man zB. die Aktion eines Artisten einfrieren will. Genau andersherum (kleine Blende und lange Verschlußzeit) geht man vor, wenn man eine Landschaft mit möglichst großer Tiefenschärfe fotografieren will, oder aber die Geschwindigkeit eines bewegten Gegenstands vor unscharfem Hintergrund andeuten will, indem man die Kamera bei längerer Verschlußzeit mit der Bewegung mitzieht. - Dies ist in etwa der Grundbestand an gestalterischen Möglichkeiten, den die Bedienung der Kamera selbst bietet (wobei dies bei weitem nicht alle, nicht einmal die wichtigsten sind).
Vor diesem Hintergrund liegt die Frage nahe, warum marktgängige Kameras über eine nahezu unüberschaubare Vielzahl zusätzlicher Einstellungen verfügen. Selbst billige „Knipsen”, die nicht einmal über manuellen Zugriff auf Blende und Verschlußzeit verfügen, sondern diese Einstellungen stets automatisch erledigen, haben idR eine lange Liste an Motiv-Programmen, aus denen man für gängige fotografische Situationen wählen kann: Portrait, Landschaft, Nachtaufnahme, etc. Bei den etwas besseren Modellen gibt es darüber hinaus noch digitale Effekte, diverse Funktionen zur Farbkorrektur, und die Möglichkeit, die Bilddateien in unterschiedlicher Qualität auf dem Speichermedium abzulegen. Professionelle Kameras kommen ohne diesen Spielkram anscheinend auch nicht mehr aus, und manchmal unterscheidet sich selbst in diesem Marktsegment das „bessere” Modell von dem preiswerteren Vorgänger nur dadurch, daß es ein paar Effekte und Filter mehr an Bord hat.
Technologische Neuerungen (5) - Werkzeug
Am Beispiel der Entwicklung des Drumcomputers kann man recht schön zeigen, wie eine Technologie im Lauf der Zeit völlig andere Konsequenzen für ihre Benutzer hat, als man dies anfangs vermuten konnte. Erst im Wechselspiel mit der Gesellschaft entfaltet sie sich, und geht dann Wege, die keiner ihrer Erfinder auch nur im entferntesten im Sinn hatte. Mehr noch: sie kann gesellschaftliche Verhältnisse schaffen, die im Nachhinein wirken, als hätten diese schon immer so existiert, und die man nicht mehr mit ihr in Verbindung bringt. Die im Vergleich zu den 70er Jahren stark veränderten Hörgewohnheiten in Bezug auf die Rhythmik nimmt nur derjenige wahr, der die Veränderung am eigenen Leib erlebt hat, bzw. genauer: der unmittelbar aktiv an dieser Veränderung beteiligt war. Die meisten Hörer wundern sich nicht über den Wandel, und nehmen ihn nicht einmal wahr – ganz zu schweigen davon, daß ihnen seine Ursache bewußt wäre.
Ich kann es nicht für jede Entwicklung einer neuen Technologie beweisen, vermute jedoch, daß man stets solch einen Punkt findet, an dem eine ursprüngliche Konzeption in etwas völlig Anderes, vorher Ungeplantes umschlägt, was sich hinterher mehr oder weniger vor der bewußten Analyse versteckt. Die Entwicklung der Eisenbahn etwa beginnt als Werkzeug im Bergbau – zum Schluß ist sie das Schmiermittel einer global vernetzten Wirtschaft. Was für uns heute selbstverständlich ist, war für die Erfinder der ersten Lokomotiven komplett unabsehbar, und auch die ersten Einwände gegen das neue Transportmittel betrafen nicht einmal ansatzweise die Funktion, die es relativ rasch einnahm. Sowohl Befürworter wie auch Gegner hatten keine Ahnung von der Umordnung der Welt, die da bevorstand. Hinterher erscheint dies jedoch wie eine kontinuierliche, komplett logisch erklärbare Entwicklung, über die sich heute niemand mehr wundert.
Auf heutige Verhältnisse übertragen, kann man jede Prognose über das Überleben von Twitter in den nächsten fünf Jahren beruhigt als irrelevant beiseite stellen, und zwar unabhängig davon, ob jemand über die neuen Möglichkeiten jubelt oder über die Deppen lästert, die sich dort austoben. Auch für eine Vermutung über die Rolle des Internets in den nächsten Jahren ist es heute viel zu früh. Wie z.B. im Zeichen von Online-News der Beruf des Journalisten in zwanzig Jahren aussieht, kann einem heute definitiv niemand sagen – erst recht nicht jene, die Argumente für dessen Notwendigkeit suchen, und exakt ebenso nicht die, die dessen Niedergang für unabwendbar halten.
Wenn man heute von der Entwicklung von Technologien spricht, verbindet man damit idR eine recht enge Definition, die Computer und das Internet im Kopf hat, und vielleicht noch das Auto oder die Eisenbahn. Man kann dies aber wesentlich weiter fassen: die ersten Technologien stecken in der Erfindung des Faustkeils und dem kontrollierten Gebrauch des Feuers. Aus diesem Blickwinkel ist jedes technische Gerät ein Werkzeug – und in dieser Definition steckt dann endlich das, was das Wesen jeder Technologie betrifft, nämlich ihr Gebrauch. Jedes Werkzeug ist undefiniert ohne denjenigen, der es benutzt. Umgekehrt läßt sich der Mensch ganz hervorragend als „tool making anmimal“[1] definieren – als ein Wesen, das Werkzeuge baut und benutzt.
Wenn man voller Enthusiasmus und Hoffnung vor „neuer Technologie“ steht und die Möglichkeiten analysiert, kommt man ebenso wenig zu einer halbwegs gültigen Bewertung, wie durch einen pessimistischen Vergleich der neuen, schlechteren Welt mit ihrem angeblich so viel besserem Vorgänger. Erst durch die Beschreibung der Wechselwirkung zwischen Werkzeug und Gesellschaft in ihrer Benutzung bekommt man eine Ahnung davon, was „Technologie“ „ist“.
- [1] Diese Definition habe ich von Rolf Todesco.
Technologische Neuerungen (4) - Drumcomputer
Mein Lieblingsbeispiel für die merkwürdigen Wege, die eine neue Technologie bei ihrer Adaption durch die Gesellschaft zurücklegt, ist die Entwicklung des Drumcomputers, des „Schlagzeugs aus der Dose“. Solche Maschinen gab es in analoger Form schon in den frühen Siebzigern; richtig durchgesetzt haben sie sich aber erst in ihrer digitalen Inkarnation. 1983 wurde die Schnittstelle für die Kommunikation zwischen digitalen Musikinstrumenten eingeführt, MIDI. Das Protokoll war von zahlreichen Herstellern von Musikinstrumenten entwickelt und verabschiedet worden, und zwar ohne den sonst üblichen Vorlauf aus Streitereien über konkurrierende Standards, und ausnahmsweise ohne den Versuch, aus solchen Nicklichkeiten Marktvorteile zu generieren. In kurzer Zeit war der Markt mit MIDI-tauglichen Geräten überschwemmt – unter ihnen nicht nur Synthesizer, sondern auch Drumcomputer und Software(!).
Die damals vorherrschende Welle in der Popmusik hieß Disco, und die dort vorherrschenden monotonen Beats eigneten sich hervorragend, um die Schlagzeuger aus den Studios zu werfen und durch Drumcomputer zu ersetzen. Zuerst ging es gar nicht darum, irgendwelche neuen Features der neuen Technik in die Hände zu bekommen und die Geräte kreativ zu nutzen – man wollte schlicht Kosten sparen. Ein professioneller Schlagzeuger ist nicht nur teuer, sondern macht Fehler, die hinterher mühsam via Overdub ausgebessert werden müssen. Hinzu kommt, daß das Recording eines Schlagzeugs im Studio ein technischer Alptraum ist – man muß mit drei oder besser sieben Mikrophonen hantieren, die erst nach mühsamem Soundcheck so positioniert sind, daß das komplette Drumset ausgewogen klingt. Dabei hat man noch mit dem Problem zu kämpfen, daß in jedem der Mikrophone nicht nur das eigentlich adressierte Instrument zu hören ist, sondern das komplette Set. Mit dem Drumcomputer wird der Traum des Toningenieurs wahr, endlich ohne jede Übersprechung die einzelnen Komponenten getrennt zu bearbeiten.
Da gab es also ein gewaltiges Potential für Rationalisierungen, und das hat man bis zu einem Punkt genutzt, wo die menschlichen Schlagzeuger keine Arbeit mehr in einer kommerziellen Session bekamen, und gezwungen waren, sich anderswo Arbeit zu suchen. In der Musikerszene wurde damals definitiv davon ausgegangen, daß nicht nur der Beruf des Studiodrummers am Ende sei, sondern daß früher oder später niemand mehr das Instrument würde lernen wollen – man vermutete, daß das zentrale Instrument für den Pop-, Rock- und Jazzbereich am Aussterben sei und keine Zukunft mehr habe.
Das ist bekanntlich nicht so gekommen. Auch heute noch gibt es an den Musikschulen genug junge Menschen, die „Schlagzeug” lernen wollen, und auch heute noch gibt es einen Bedarf an professionellen Drummern – nicht nur im Jazz, sondern auch in bestimmten Bereichen der Popmusik, die sich bewußt von dem Produktionsprozeß in der Fabriken der Majors absetzen wollen (und die gerade heutzutage, wo die Majors eben gar nicht mehr so major sind, zunehmend Einfluß gewinnen).
Es ist jedoch etwas ganz anderes passiert, was Mitte der 80er nicht einmal ansatzweise vorausgesagt wurde, was aber einen überhaupt nicht zu überschätzenden Einfluß auf die heutige Popkultur hat: die Hörgewohnheiten im rhythmischen Bereich haben sich drastisch gewandelt. Wenn man sich heute Popmusik der 70er anhört, wird man feststellen, wie geradezu grotesk schlecht das Timing damals war, wie unglaublich es dort wackelt und im Tempo schwankt und kaum ein Schlag wirklich auf dem Punkt sitzt. Ich bin in den Siebzigern groß geworden, und – trotz guter musikalischer Ausbildung – ist mir dies damals keinesfalls aufgefallen. Der Maßstab ist heute jedoch ein ganz anderer, und der wurde durch die computergenaue Time der Drumcomputer gesetzt.
Dabei geht es zwar auch, aber gar nicht in erster Linie um den Einsatz der Computer in der Musikproduktion. Weit wichtiger ist, daß dessen akurates Timing zu einer Herausforderung all jener wurde, die mit ihm zu spielen hatten. Mein erster Computer war ein Drumcomputer – und ich habe ihn nicht angeschafft, um damit Discomusik zu produzieren, sondern um mit seiner Hilfe zu üben. All jene Musiker, die ebenso alt oder jünger sind wie ich, haben dies getan, und dadurch eine völlig andere Beziehung zum Rhythmischen entwickelt als all jene, die zuvor allenfalls zum wackligen und eiernden analogen Metronom geübt hatten. Die Folge war, daß die Musik in allen Stilrichtungen plötzlich einem Ideal von rhythmischer Präzision folgte, das gewissermaßen zum universellen Paradigma wurde. Man kann beliebige Aufnahmen des Pop und Jazz seit etwa Mitte der 80er herauskramen – man findet durchgängig bei allen Instrumentalisten (nicht nur den Drummern) ein Timing, das tight ist wie nie zuvor.
Das hat seine Spuren natürlich auch bei den Hörern hinterlassen, und einen Graben zwischen der Musik vor und nach dem Aufkommen der Drumcomputer aufgerissen. Wenn ich mir heute eine Aufnahme der Beatles anhöre, bekomme ich ernstliche Zweifel, ob diese Musik noch die nächsten 50 Jahre überleben wird, oder ob sie dann allenfalls von historischem Interesse ist. Ringos Schlagzeug nach zu urteilen, gilt letzteres wohl schon heute.
[Ich kann das Thema hier nur anreißen – mehr findet sich in den Baukästen über Musikproduktion am Computer und die Entwicklung der Computertechnik, sowie meinem Versuch einer Theorie der Rhythmik.]
Technologische Neuerungen (3) - Fortschrittspositivisten & Zukunftsfeinde

Stephensons "Adler" - in Farbe
und im Zeichen der Elektrifizierung
(Bild: Wikipedia)
Wenn neue Technologien auftauchen, kann man regelmäßig dabei zusehen, wie zwei konträre Positionen aufeinander prallen: jene, die besagt, alles, was neu ist, müsse prinzipiell auch gut sein[1], und die andere, die ebenso grundsätzlich darauf beharrt, eine neue Sache könne nur schlechter sein als die, die sie ersetzt[2]. Beide Gruppen haben gute Argumente, und wenn man sie anhört, kann man gar nicht damit aufhören, bestätigend mit dem Kopf zu nicken. Man kann, um den Zank zu versöhnen, sich aus beiden Lagern die besten Argumente picken, und etwa die Meinung vertreten, daß z.B. die Erfindung der Eisenbahn, des Computers oder des Internets ja jeweils durchaus interessante Dinge ermöglichen, obwohl diese Einsicht keinesfalls mit dem Wunsch einher gehen muß, gleich von Anfang dabei zu sein[3]. Man kann aber auch die Frage stellen, warum diese Debatte ständig wieder auftaucht, obwohl sie, bei näherem Hinsehen, weniger über die Sache, sondern eher etwas über die Diskutanten besagt.
Die Fortschrittsoptimisten stellen sich auf den Standpunkt des „Jetzt“, gucken zurück und sehen, daß es schon früher technologische Entwicklungen gegeben hat, die anfangs angefeindet wurden, sich später aber nachhaltig durchgesetzt haben – mehr noch: je wichtiger eine Erfindung war, desto heftiger war anfangs der Widerstand. Daraus ziehen sie dann den Schluß, daß sich dies auch bei den momentan unter Beschuß stehenden Neuigkeiten so verhalten wird, und prognostizieren munter in die Zukunft. Sie vergessen dabei, daß jede Zukunftsprognose noch immer daneben lag. Man kann aus dem Heute nicht auf das Morgen schließen, weil man dann immer nur das Bestehende verlängert. Man kann allenfalls eine Zunahme der Quantitäten annehmen, aber nicht das Umschlagen einer Entwicklung in eine neue Qualität antizipieren. Letzteres ist aber entscheidend: eine neue Erfindung verändert immer auch ihre Erfinder. Eine Welt, die global durch die Eisenbahn vernetzt wird, ist komplett anders strukturiert, als sie ein Zeitgenosse 1835 prognostizieren könnte – der kann sich nicht über seine Zeit erheben, sondern verbleibt allenfalls bei der Vorstellung einer Zukunft, die über besonders schnelle Postkutschen verfügt. Nicht anders geht es jenen, die heute der Meinung sind, Twitter sei die Zukunft der SMS. Etc.
Die Konservativen übersehen denselben Zusammenhang aus anderen Gründen. Zunächst ist ihnen jede Dynamik per se verdächtig, weil es aus ihrer Sicht ja in erster Linie darum geht, Bewährtes zu erhalten. Neue Erfindungen scheinen ihnen notorisch in Konkurrenz zum Bestehenden zu treten, weil das, was wirklich neu ist, für sie nur auf dem Hintergrund der Tradition sichtbar wird. Das Neue ist eine Bedrohung, weil es das Alte zu verdrängen scheint. Tatsächlich jedoch schiebt sich das Neue stets neben das Alte; mehr noch: selbst der rückwärts gerichtete Blick verändert sich ständig. Geschichte schreibt sich immer neu. Das Bild, das wir von der Welt unserer Großeltern haben, unterscheidet sich deutlich von jenem, das unsere Eltern von ihr hatten. Der Blick der wilhelminischen Zeit auf Stephensons Adler (Deutschlands erster Dampflok) ist geprägt von einer Welt, in der die Dampfmaschine Alltag war, und hat mit unserem nostalgischen Blick auf dieselbe Maschine nicht das Geringste zu tun. Ähnliches gilt für den heutigen, von der Erfahrung mit Computern freien Rückblick der Journalisten alter Schule auf die Druckerpressen noch der 70er Jahre. Etc.
Der zweite, nicht weniger entscheidende Punkt ist die Rolle, die für beide Standpunkte Urteile über Werte spielen. Die Ablehnung von technischen Neuerungen ist von einer energischen Bewertung der (befürchteten oder tatsächlich eingetretenen) Folgen begleitet. Fortschritt sei falsch, weil er positiv bewertete Sachverhalte vernichte, und dem nichts gleichermaßen Wertvolles entgegenzusetzen habe. Lokomotiven produzieren nur Ruß und verdrecken Kleidung und Augen der Reisenden, Computer sind eh unbrauchbar, und das Internet bringt eine Massenkultur ohne Sinn hervor und verdrängt jede vernünftige Stimme. Umgekehrt spielt für die Fraktion der Fortschrittsgläubigen „Wert“ kaum eine Rolle, wenn er nicht geradezu verlacht wird. Wertende Zuordnungen werden dann marginal, wenn man sich gegen den Lauf der Zeit eh nicht wehren kann – wenn die Dinge nun einmal geschehen, ob man dies will, oder nicht. „Positivistischen Fortschrittsglauben“ nannte man das im soziologischen Seminar der 80er Jahre, und da war Positivismus als Schimpfwort gemeint. „Geist“ ist aus dieser Perspektive ein Synonym für „Gestern“ und völlig überbewertet, „Geschwindigkeit“ hingegen von großer Ästhetik, was besonders schön im Krieg zur Geltung kommt[4]. Etc.pp.
[An beiden Polen ist ganz offensichtlich etwas falsch – ich komme darauf zurück. Ein konkretes Beispiel, das ich die ganze Zeit im Kopf habe – die Geschichte der Drummachine in der Popmusik – bleibe ich zunächst schuldig.]
- [1] Z.B. Kathrin Passig im Merkur.
- [2] Z.B.Ronnic Vuine in den Vigilien.
- [3] Z.B. Spreeblick.
- [4] Vgl. das Manifest des Futurismus aus den 20er Jahren.
Die Konstruktion der Wirklichkeit (4)
Wenn man das Verhalten von Tauben in der Skinner-Box betrachtet, bekommt man eine ganz gute Vorstellung davon, wie die Suche nach Kausalität geradezu zwanghaft dazu führt, bei zwei gleichzeitig stattfindenden Ereignissen das eine für die Ursache des anderen zu halten. Dabei läßt sich idR allenfalls darüber diskutieren, ob das erste die Ursache und das zweite die Wirkung sei, oder ob es sich umgekehrt verhält. Die Idee hingegen, daß das eine mit dem anderen gar nichts zu tun hat und man es womöglich nur mit einer zufälligen Koinzidenz zu tun hat, liegt denkbar fern, mehr noch: ist unvorstellbar.
Die Suche nach Kausalität ist biologischen Systemen so tief eingepflanzt, daß sie völlig automatisch abläuft. Wenn man auf Anhieb keinen Zusammenhang finden kann, stutzt man und wird selten ruhen, bevor man nicht doch eine Ursache konstruiert hat, so absurd die auch sein mag. Wenn man einmal eine Erfahrung auf eine Ursache zurückgeführt hat, wird es sehr schwierig, diese Erklärung zu revidieren, und zwar umso mehr, je öfter sie funktioniert. Schon nach wenigen Bestätigungen passiert es dann regelmäßig, daß man eine Erwartung hegt, die selbst dann in Erfüllung geht, wenn der vermutete Zusammenhang völlig unsinnig ist.
Man kann hierfür endlos Beispiele finden. Sobald man die Erfahrung gemacht hat, daß homöopathische Mittel bei einem selbst oder einem Bekannten wirken, wird man fast unvermeidlich zu einem Verfechter der sog. Alternativmedizin. Da kann man dann noch so oft darauf hinweisen, daß alle systematischen Studien den Nachweis liefern, daß homöopathische Mittel exakt ebenso wirksam sind wie ein Placebo; man kann betonen, daß ein Placebo eben keinesfalls unwirksam ist, sondern einen meßbaren Effekt verursacht – in solch einer Debatte ist jeder „Mainstream“-Mediziner auf verlorenem Posten, so gut er seine Argumente auch vorzubringen vermag.[1]
Wenn man sich vom Konzept energetischen Wassers überzeugt hat, wirkt es; wenn man an UFOs glaubt, wird man welche sehen; wenn man zu wissen glaubt, daß guter Wein teuer ist, schmeckt teurer Wein besser; wenn man weiß, daß überproportioniert dicke Kabel digitales Audio besonders gut übertragen, klingt die Musik besonders gut; usw. usf.
Man kann versuchen, dies alles als Einbildung beiseite zu wischen, und sich darüber lustig machen. Genau so funktioniert jedoch unsere Wahrnehmung, und zwar auch die all jener, die der Meinung sind, daß diese Zusammenhänge bei ihnen nicht wirken, weil sie sie durchschauen. Gerade wissenschaftlich geschulte Beobachter sind jedoch förmlich darauf fixiert, noch im letzten Winkel der Welt eine Beobachtung auf ihre Ursache zurückzuführen. Das betreiben sie zwar deutlich systematischer und weniger von starren, dogmatischen Vorurteilen gesteuert als Menschen, die vom Glauben geprägt der Meinung sind, auf ein nachvollziehbares Experiment verzichten zu können. Ein Vorurteil werden aber auch sie nicht los: den Glauben daran, daß die Welt letztlich auf Kausalität gegründet sei.
- [1] Ein Blick in die Diskussionen in die Science-Blogs ist hier lohnend, sobald es dort um Homöopathie oder andere „alternative“ Behandlungsmethoden geht.
Die Konstruktion der Wirklichkeit (3)
Wenn man davon ausgeht, daß Menschen nicht einfach eine objektiv gegebene Wirklichkeit wahrnehmen, sondern sie erst konstruieren, kann man erklären, warum im Lauf der Jahrtausende derart unterschiedliche Entwürfe der Welt entstehen konnten. Es ist ja nicht so, daß die Menschen im Mittelalter im großen und ganzen so gedacht haben, wie wir dies heute tun, nur, daß sie halt ein paar unsinnige Konzepte wie die einer ca. sechstausend Jahre alten und von Gott in sieben Tagen geschaffenen Welt hatten. Das ist ein Bild, wie es vielleicht in den zur Zeit so modischen historischen Romanen gepflegt wird, das aber absolut nichts mit den tatsächlichen Verhältnissen zu tun hat. Mit einem mittelalterlichen Menschen verbindet uns fast nichts mehr, und in dessen Vorstellungswelt kann man sich heute höchstens behelfsmäßig versetzen. Dasselbe gilt auch für alle anderen Zeiten. Selbst der Lebens- und Vorstellungswelt der Generation unserer Großeltern kann man letztlich nicht mehr nahe kommen, von jener aus ganz entfernten Epochen ganz zu schweigen.[1]
All diesen Entwürfen ist aber zumindest eines gemeinsam: sie versuchen, die Welt zu einem berechenbaren Ort zu machen, wo man sich nicht von einem Zufall zum nächsten hangelt, sondern die eigenen Bedürfnisse möglichst gezielt befriedigen kann. Eine der ersten Lektionen, die ein Baby lernt, ist die merkwürdige Tatsache, daß ein „Ding” auch dann noch da ist, wenn man gerade nicht hinsieht. Dabei ist die Welt aber nicht statisch, sondern verändert sich ständig. Das Gesicht der Mutter z.B. sieht völlig anders aus, je nachdem, ob es freundlich oder böse blickt. Die beobachtete Umwelt verändert sich im Lauf des Tages mit dem Schatten, den die Sonne wirft, und selbst Dinge, die man in der Nacht nicht sehen kann, sind möglicherweise nachts noch im Weg. Der Konstruktion einer in sich konsistenten Welt steht eigentlich alles entgegen – es ist ein veritables Wunder, daß sie dennoch gelingt.
Diese Konsistenz ist nicht unmittelbar erfahrbar, sondern muß erst konstruiert – gelernt[2] – werden. Allererstes Hilfsmittel hierfür ist die Suche nach Ursachen – warum hat sich das Gesicht der Mutter verändert? warum verschwindet in der Nacht das Licht? etc.pp. Wenn man die Ursache einer Veränderung weiß, kann man eine veränderte Beobachtung mit demselben „Ding“ verbinden. Fehlt dieses Bindeglied, muß man zwei aufeinander folgende Beobachtungen verschiedenen Dingen zuordnen. Tatsächlich basiert die gesamte Konstruktion der Wirklichkeit auf der Unterscheidung, ob sich zwei unterschiedliche Beobachtungen auf dasselbe Objekt oder zwei verschiedene Objekte beziehen. Je mehr Dinge ich als identisch identifizieren kann, desto stabiler ist mein Umfeld, und je mehr Ursache-Wirkung-Beziehungen ich bilde, desto besser ist meine Fähigkeit, zukünftige Ereignisse vorauszusagen bzw. die Folgen meines Handelns abzuschätzen. Beides ist ursächlich für die Fähigkeit, in einer ständig sich verändernden Welt zu überleben.
Die Suche nach – oder vielmehr die Konstruktion von – Kausalität ist nicht auf den Menschen beschränkt, sondern gehört wohl zum Grundbestand jedes mit einem Gehirn ausgestatteten Tieres. Bei Tauben hat man dies vor mehr als fünfzig Jahren eindrucksvoll nachgewiesen, als B.F.Skinner sie in die nach ihm benannten Skinner-Boxen sperrte.
(Hierher gehört das Zitat über Skinners verrückte Tauben)
- [1] Ich will auf einen anderen Punkt hinaus und schweife ab - auf den gerade angerissenen Zusammenhang komme ich später zurück.
- [2] „Konstruktion“ und „Lernen“ sind m.E. zwei Seiten derselben Medaille - auch dazu später mehr.
[Ich muß mich vertagen]
Aktive und passive Negation
Es gibt einen Unterschied zwischen aktiver und passiver Negation. Ich kann einem Satz A in zweierlei Weise widersprechen: einmal, indem ich sage, daß B richtig sei, und A falsch, weil nicht beide gleichzeitig richtig sein können; zum anderen, indem ich sage, B sei richtig, und genau aus diesem Grunde A falsch („Tertium non datur“ - ein Drittes kann es nicht geben). Der Unterschied ist auf den ersten Blick subtil, hat es aber in sich.
Jon Elster[1] formalisiert das wie folgt:
Der (unbestreitbare) Widerspruch lautet: Nicht (A und nicht-A). Also: wenn A richtig ist, kann nicht-A nicht richtig sein. In C-Pseudocode:
Das kann man in Form einer passiven Negation auflösen: Nicht (A und B).
Die Form der aktiven Negation lautet so: Entweder A oder B.
Sätze der allgemeinen Logik kann man entweder in die eine oder die andere Richtung auflösen – es bleibt vollkommen klar, welches hier die aktive und welches die passive Form ist. Elster zitiert (den vorkritischen) Kant: „Die passive Negation der Ruhe ist die Bewegung, die aktive Negation ist die Bewegung in die umgekehrte Richtung.“ Hier gibt es kein Problem, das eine Phänomen vom anderen zu unterscheiden.
Bei Fragen der Moral besteht der Unterschied in der Unterscheidung der Modi. Kant: „Die passive Negation der Aufmerksamkeit ist die Gleichgültigkeit; die aktive ist die Abschweifung“. Elster kommentiert: „Wir würden heute sagen, daß die Absenz des Bewußtseins von x etwas anderes ist als das Bewußtsein der Absenz von x.“ Man wechselt an dieser Stelle nicht die (physikalisch meßbare) Richtung, sondern unterscheidet im Modus der Fragestellung. Man unterscheidet keine Phänomene, sondern unterscheidet Unterschiede.
Die Konsequenzen treten dann zutage, wenn man die Art, logische Sätze zu unterscheiden, mit dem Modus verwechselt, in dem man über moralische Fragen urteilt. Dann heißt es plötzlich: wer nicht mit uns ist, ist gegen uns.
In dieser Darstellung fehlt allerdings immer noch eine zentrale Frage: wer sagt mir, daß B die Negation von A ist? In den Konstrukten oben wurde unterstellt, daß "nicht-A" gleich "B" sei – wer sagt, daß das so stimmt? Schlimmer noch – im Fall von moralischen Fragen: wer übernimmt die Verantwortung, wenn die Gleichsetzung schief geht?
- [1] Jon Elster in: Paul Watzlawski: Die erfundene Wirklichkeit. München 2008. S.166 ff
Die Konstruktion der Wirklichkeit (2)
Heinz von Förster listet einige Begriffe auf[1], und stellt die Frage, ob man es bei ihnen mit Entdeckungen oder vielmehr Erfindungen zu tun habe:
- Ordnung
- Zahlen
- Formeln
- Symmetrien
- Naturgesetze
- Gegenstände
- Taxonomien
Förster behauptet, daß ein Konstruktivist geneigt sei, sie tendenziell für Erfindungen zu halten. Dieser Definition zufolge gehöre ich ganz klar selber zum Verein – ich halte diese Begriffe ausnahmslos für Projektionen menschlichen Denkens, nicht jedoch für Entdeckungen, die objektiv in der Wirklichkeit existieren.
Die Nagelprobe kann man wohl machen, wenn man sich den Begriff „Naturgesetz” ansieht. Ist denn z.B. „Gravitation” nicht ein Gesetz der Physik, das zu allen Zeiten und an allen Orten existiert, und zwar unabhängig davon, ob ein menschlicher Beobachter dieses Gesetz kennt, und unabhängig vom individuellen Glauben? Tatsächlich würde ein Naturwissenschaftler des 19.Jh diesen Standpunkt vertreten, und auch unser alltägliches intuitives Wissen würde spätestens hier von einer Entdeckung, nicht aber von einer Konstruktion sprechen. Die modernen Naturwissenschaften sind aber bereits weiter, und beschäftigen sich damit, die vier Grundkräfte der Physik – Gravitation; schwache, starke, elektromagnetische Wechselwirkung – unter ein gemeinsames (mathematisches) Dach zu bringen. Würde ich in hundert Jahren noch leben, wäre ich bereit, einen hohen Betrag darauf zu wetten, daß unsere heutige Vorstellung von dem „Grund”, durch den ein Gegenstand zu Boden fällt, dann (wenn ich längst tot bin) nur noch ein müdes Lächeln auslöst – ebenso, wie ein heutiger Physiker Keplers Darstellung der Himmelsmechanik für ein übersimplifiziertes und durch Einstein widerlegtes Konzept hält.[2]
Allgemein gesprochen, sind alle wissenschaftlichen Theorien Modelle, die eine Beobachtung vorläufig erklären können. Wissenschaftlich sind sie nur dann, wenn sie prinziell falsifizierbar sind – das Prinzip der Falsifizierbarkeit unterscheidet sie von Glaubenssätzen. Wenn man diese Unterscheidung mitmacht, muß man noch einen Schritt weitergehen und sagen, daß Theorien ihren Charakter als „wissenschaftlich” letztlich erst dann beweisen, wenn man sie de facto falsifiziert. Über ihre Richtigkeit hingegen läßt sich prinzipiell nichts sagen. Man kann über ihren Wert erst dann eine Aussage treffen, wenn bewiesen wird, daß sie falsch sind.[3]
Diese Vorstellung gilt nicht nur für wissenschaftliche Theorien, sondern betrifft unser gesamtes Weltbild. Unsere Sinne können uns keinen Einblick in die objektive Beschaffenheit der Welt geben, sondern konstruieren lediglich einen Zusammenhang, den man niemals positiv bestätigen, allenfalls irgendwann als falsch erkennen und verwerfen kann. Ernst von Glasersfeld hat dafür eine eindrückliche Metapher[4]: die Suche nach Wahrheit entspricht dem Vorgehen eines blinden Wanderers, der seinen Weg durch einen eng bewachsenen Wald sucht. Immer, wenn er auf ein Hindernis stößt, weiß er, daß er seinen Weg ändern muß. Über die Bäume kann er aber nichts anderes wissen, als daß sie Hindernisse sind.
- [1] Einführung in den Konstruktivismus, München 2009, S.45f.
- [2] Das ist insofern wiederum eine Simplifizierung, weil Kepler nicht falsch ist, sondern im großen und ganzen völlig richtig liegt. Einstein vertritt zwar ein völlig anderes Bild von der Welt, ist aber letztlich nur graduell „wahrer”. Paradoxerweise kann man mit Keplers Gesetzen den Kurs eines Raumschiff zur Nachbargalaxie berechnen, nicht jedoch die Funktionsweise einer GPS-Navigation im heutigen Alltag erklären.
- [3] Ich habe zu dem Thema bereits Grundsätzliches gesagt.
- [4] AaO, S. 19