Mode / Fashion

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Unter Motorradfahrern herrscht - wie fast überall sonst - die Mode über das, was sinnvoll wäre. Kaum einer kommt auf die Idee, einen Chopper in vernünftiger Schutzkleidung zu fahren, einfach weil es niemand tut. Man dürfte sich "unccol" vorkommen, wenn man nicht den allgemeinen Vorstellungen entsprechen würde, die man vom Outfit eines Harleyfahrers hat; man folgt nicht dem eigenen Verstand, sondern dem Vorbild der Masse.

Dabei ist es keineswegs so, daß die Racerfraktion[1] sich aus Vernunftgründen ordentlich einpackt. Das ist letztlich ebenso von der Mode diktiert wie die Kleiderordnung bei den Angehörigen gehobener Gehaltsgruppen beim Ausleben von Rockerfantasien. Ohne Rennhöcker ("Hump") und womöglich im Zweiteiler gehört man nicht recht dazu, selbst wenn es nur darum geht, auf dem Supersportler die Brötchen um die Ecke zu holen - naja, nicht ganz: auch da gibt es Zeitgenossen, die in Jeans, kurzem Hemdchen und Badelatschen an den Füßen unterwegs sind.

Ich will mich jetzt nicht hinstellen und an die Vernunft appellieren. Zum einen ist völlig klar, daß das selbst dann nichts bringen würde, wenn jeder Motorradfahrer diesen Artikel liest; zum anderen aber, weil ich selber nicht dagegen gefeit bin, modischen Diktaten allzu bereitwillig nachzugeben, und meine Predigt dadurch unglaubwürdig daher käme (die Fotos von einem meiner nächsten Renntrainings dürften mich als jemanden outen, der auch nicht ohne behöckerten Einteiler existieren mag).

Ich nehme die Geschichte mit der Motorradbekleidung als Aufhänger, um Prinzipielles zum Thema Mode loszuwerden. Wenn selbst bei einer Frage um Leben oder Tod - und genau darum geht es, wenn man sich statt eines Integralhelms einen Braincup oder Stahlhelm aufsetzt - modische Vorlieben eine unausweichliche Rolle spielen, wie mächtig kommen diese dann in anderen Lebensbereiche daher, in denen es um weniger existenzielle Dinge geht?

  1. [1] Ich hatte dem Artikel der FAZ früher schon einen kurzen Kommentar gewidmet.


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Mode [...] bezeichnet die in einem bestimmten Zeitraum und einer bestimmten Gruppe von Menschen als zeitgemäß geltende Art, bestimmte Dinge zu tun, Dinge zu benutzen oder anzuschaffen, sofern diese Art, etwas zu tun, nicht von großer Dauer ist, sondern im Verlauf der Zeit infolge gesellschaftlicher Prozesse immer wieder durch neue - dann als zeitgemäß geltende - Arten revidiert wird, sofern sie also zyklischem Wandel unterliegt.
(Wikipedia)

In dieser Definition fehlt der Hinweis auf einen entscheidenden, auf den ersten Blick verblüffenden Umstand: Mode ist unsichtbar.

Das Befremden über diese These dürfte daher rühren, daß man "Mode" regelmäßig mit "Haute Couture" gleichsetzt - und die Welt der Couturiers und Catwalks mit ihren schrillen Auftritten ist gewiß alles andere als "unsichtbar" oder Alltag. Der Wikipedia-Eintrag bringt es in seiner Definition aber recht gut auf den Punkt: Mode ist das, was als zeitgemäß gilt - und davon ist eine sog. "Modeschau" letztlich weit entfernt.

Modisch in den Siebzigern waren Jeans und Parka, heute sind das gefärbte Strähnchen und - bis vor kurzem - bauchfreie Tops bei den jungen Mädchen. Irgendwann nimmt man diese Kleidungscodes gar nicht mehr wahr, weil sie jeder befolgt. Auffällig sind dann jene, die sich davon - unfreiwillig oder (halb-)bewußt - absetzen: ein Obdachloser in verschlissener und womöglich verdreckter Kleidung erzeugt ebenso verwunderte (verächtliche, mitleidige) Blicke, wie ein älterer Herr, der auch bei Sommerwetter im Anzug mit Hut und Krawatte unterwegs ist.

Das Tragen einer bestimmten Art von Kleidung ist ein Verhalten, oder das zur Schau stellen einer bestimmten Haltung - letzlich eine Meinungsäußerung. Wie man sich in Kleidungsdingen äußert, ist man in allen anderen Bereichen seines Lebens unterwegs, egal, ob man sich für sein Körpergewicht interessiert, ein bestimmtes Auto fährt, oder sich seine Meinung in politischen Dingen bildet.

Bestimmte Kleidungsstücke kann man heute nur noch im Karneval tragen, wenn man sich nicht komplett lächerlich machen will. Bestimmte Meinungen und Ansichten sind sogar soweit von jeder heute möglichen Denkfigur entfernt, daß man sie deshalb nicht mehr turnen kann, weil das Gerät in Verruf geriet, sie zu üben.

Ich möchte - im Zusammenhang - einmal mehr auf ein Essay von Paul Graham verweisen.



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Man trägt ja heutzutage nicht deswegen keine weiße Perücke mit Zopf oder eine Tunika zu den Sandalen, weil das Dinge sind, die unter anderem zur Wahl stehen, und die man bloß zur Gelegenheit nicht anziehen mag: solche Kleidung ist heutzutage unmöglich. Ihr Träger würde sich lächerlich machen, und bräuchte ein gutes Mundwerk oder eine dicke Haut, um den Spott von sich abprallen zu lassen.

Man kann einwenden, daß es - gerade in der Jugendkultur - immer wieder Versuche gegeben hat, sich über eine möglichst andersartige, andere abstoßende Kleidungsordnung vom Rest der Gesellschaft abzusetzen (Hippies, Punks). Dies funktioniert jedoch immer nur, wenn eine ganze Gruppe dabei mitmacht. Wenn ein Einzelner solch einen Aufstand versuchte, wäre er sofort in die Ecke gedrängt - siehe oben. Sobald eine gewisse Anzahl sich solidarisiert und es anders macht als der Rest, wird sie jedoch nur zu einer neuen Mode. Sie grenzt sich zwar ab vom vorherrschenden Geschmack, dies aber um den Preis, die Mechanismen zu wiederholen, denen sich auch der Zusammenhalt unter der befehdeten Mehrheit verdankt.

Unser Denken ist ebenso abhängig vom Stand der Mode, wie die Kleidung, in der wir uns wohlfühlen - dies nur vorläufig und nebenbei, obwohl sich hinter dieser Anmerkung natürlich der zentrale Diskurs verbirgt.



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Mode zieht Grenzen. Ihre Codes umzäunen Gruppen einzelner Individuen, und heben sie ab von anderen, der "Masse". Dadurch gibt sie denen, die ihr folgen, den Anschein der Exklusivität, des Besonderseins. Andererseits kann sie nur funktionieren, wenn eine gewisse kritische Masse ihr folgt. Ein Individuum kann keine Mode definieren (höchstens dabei helfen, die nächste vorbereiten). Damit wird Konformität zu ihrem Wesensmerkmal, selbst wenn die Gruppe, die ihr anhängt, sehr klein ist.

Es besteht eine Spannung zwischen dem Gefühl, nicht zur großen Mehrheit zu gehören, mit dem Mittel, dies zu dokumentieren: mit der Etablierung von äußerlichen Standards, denen jeder folgen kann, der ihre Regeln versteht.

Mode wirkt letztlich ordnend. Das Motiv, sich einer Mode zu unterwerfen, liegt aber ursprünglich im Wunsch, sich der bestehenden Ordnung zu entziehen. Gäbe es dieses Motiv nicht, wäre Mode statisch und würde sich nicht verändern. Wäre Mode kein Ordnungsfaktor, sondern chaotisch, wäre sie nicht als Muster so klar erkennbar.

Das Tempo, in dem die Moden sich verändern, ist geradezu ein Gradmesser für das Bedürfnis, sich als Individuum zu präsentieren, in Kombination mit der Unmöglichkeit, dieses Bedürfnis auch einzulösen: man folgt einer Mode, nur um im nächsten Moment zu erleben, daß eine große Masse dasselbe tut, Personengruppen zumal, von denen man sich eben noch absetzen wollte.

Der Versuch, den Kreis, der einer Mode folgt, möglichst klein zu halten, hat wohl zwei Facetten: eine Mode kann viel Geld kosten, oder ihre Codes können sehr kompliziert und schwer verständlich werden (ich tippe das hier nur an).

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