Das anrüchige Geschlecht
Ich kann es nicht glauben.
Dabei liegt das Gewaltmonopol weiterhin beim Mann, muß es vielleicht auch liegen, damit mit dogmatischer Strenge dem feministischen Abnormitäten, diesen krankhaften Überhöhungen der eigenen Geschlechtlichkeit, gefrönt werden kann. Gewalt, das ist eine männliche Domäne – Gewalt in der Ehe ohnehin, obwohl mittlerweile bekannt ist, dass eheliche Gewalt ausgeübt von Frauen an ihren Männern, nicht nur keine Seltenheit, sondern eine erschreckende Alltäglichkeit ist.
Wo würde man solch ein Statement vermuten? Ich würde hier erst ganz zuletzt ausgerechnet beim (nach eigener Einschätzung: linksliberalen) Spiegelfechter suchen.
Ich habe das dort so kommentiert: »Das ist ein so unfaßbar dämliches Statement, daß ich nicht fassen mag, warum ich dieses Blog seit einigen Jahren regelmäßig gelesen habe. Ich schäme mich fast, nicht hinter die Fassade geschaut zu haben, hinter der hier offenkundig über die Jahre so getan wurde, als ginge es bei der vorgebrachten Kritik um den Versuch eines Entwurfs einer Alternative zum Bestehenden. Ich habe dafür genau ein Wort übrig: PLONK«.
Einen Moment hatte ich gefürchtet (vielmehr: gehofft), auf einen nachgezogenen Aprilscherz hereingefallen zu sein.
Von wegen.
In den Kommentaren gibt es u.a. den folgenden Eintrag:
Das außer einem “screw you guys, I’m going home” dann auch noch keine einzige Zeile sinnvolle Kritik kommt, spricht dann auch weiter für sich.
- den der Spiegelfechter so kommentiert:
Stimmt, das beobachte ich ja auch schon länger. Wenn sich die Empörten wenigstens daran halten würden ;-)
Dann hätte ich nun keine Verschwörungstheoretiker, keine militanten Nichtraucher, keine Islamhasser und keine Hardcore-Gender-Mainstreamer mehr unter den Lesern … hach, das wäre schön *g*
Den bisherigen Höhepunkt in der Debatte bietet dieses Statement:
In diesem Zusammenhang sollte auch die Zunahme der Häufigkeit von Homosexualität sowie deren gesellschaftliche Akzeptanz diskutiert werden.
Homosexualität ist nicht genetisch bedingt, folglich bedingt durch die psycho-soziale Umwelt.
Wir sehen auch das Phänomen der „Spät-Lesben“.
Da stellt sich Frage, ob dies nicht Ausdruck der Zunahme des Scheiterns und der Konflikte in Mann-Frau-Beziehungen ist, eben weil sich die Geschlechter heute häufig nicht mehr glücklich machen (können)?
Irgendwie möchte ich mich weigern, zuzugeben, in einem Universum zu leben, in dem man solche Statements ernsthaft kommentieren muß.
Nachtrag: Der Spiegelfechter hat einen Beitrag von Ines Fritz zum Urteil der Bundesverfassungsgerichts zur Stellung der Väter aus feministischer Sicht in sein Blog eingestellt, der auf diese Forderung herausläuft:
Die ideale Lösung für beide Probleme, die Zwangsverpflichtung der Mütter sowie der Ohnmacht williger Väter, bestünde in einer freiwilligen und selbst bestimmten Elternschaft per Anerkenntnisverfahren und zwar unabhängig von der Biologie und der Beziehung der Eltern zueinander.
Das ist ein bemerkenswert einfaches Konzept, das beide Seiten gleichermaßen in Rechte wie Pflichten versetzten würde (Cudos an Isi).
Nachtrag 2: Ines Fritz faßt ihr mit viel Vevre und Engagement – gerade auch in der Auseinandersetzung mit den teilweise überaus misogynen Kommentatoren – vorgetragenes Engagement beim Spiegelfechter so zusammen:
Das war mein erster und einziger Gast-Beitrag hier. Ich gehe ja auch nicht zum KuKluxklan und kämpfe für die Rechte der Schwarzen. Dem Geplärr der Männerrechtler kann ich sonst erfolgreich ausweichen, bzw. meide sie wie stinkende Sportsocken, und überlasse das Löschen der Spamantworten der Redaktion. Das hätte ich vorher abklären müssen, mein Fehler. Hier ist das alles ein bisschen aus dem Ruder gelaufen.
Nicht nur ein bisschen, fürchte ich.
Der Spiegelfechter hat hier einen ganz hervorragenden Job getan, um Frauen und Männer innerhalb der "linken Szene" aufeinander zu hetzen, die eigentlich besseres zu tun hätten – z.B. gemeinsam gegen den Wahnsinn des neoliberalen Mainstreams zu protestieren. Jens Berger gilt mein herzlicher Dank für diesen Dienst am Fortbestand des Bestehenden – Boy: diesmal hättest Du besser den Mund gehalten.
Nachtrag 3: Nachdem hier in den letzten Stunden haufenweise Besucher hereinspazierten, die im Referrer einen Verweis auf den letzten Artikel von Jens Berger stehen haben, mußte ich doch nochmal nachsehen, und die Debatte dort zumindest überfliegen. Danach habe ich ein Viertelstündchen geopfert und ein Script geschrieben, das die Referenzen in meinem Blog auf den Spiegelfechter um ein rel="nofollow" ergänzt.
Jetzt fühle ich mich ein wenig besser.
Nachtrag 4: Ich versuche gerade, meine Position in der Genderdebatte so zu formulieren, daß ich sie selber verstehe.
Es gibt hier im Blog einen Eintrag über Vernunft und Interesse, der für das Thema relevante prinzipielle Gedanken anreißt. Der Eintrag über die Grundlagen der Marx'schen Ideologiekritik gehört in dieselbe Ecke.
Das heißt nicht, daß ich auch nur annähernd die aktuellen Debatten kenne – ich versuche gerade, da wieder den Anschluß zu finden.
Nachtrag 5: Nachdem Google bei einer Suche nach dem unsäglichen Kampfbegriff der „Spätlesbe” ausgerechnet diesen Eintrag ganz oben unter den Ergebnissen ausspuckt, habe ich versucht, meine eigene Position in der Debatte über das Verhältnis von Identität und Geschlecht zusammenzufassen.
Das erste Zitat ist meiner Meinung nach als überspitzte Darstellung feministischer Ansichten zu sehen. Patriarchat eben. Der Mann übt immer die Gewalt aus. Andere Machtverhältnisse gibt es nicht.
Was ist an dieser Überspitzung jetzt so schlimm?
Diese "überspitzte Darstellung" ist der Versuch, den feministischen Standpunkt lächerlich zu machen. Schlimm daran ist, daß man sich damit auf die Seite der Unterdrücker begibt.
Es geht doch im wesentlichen darum, dass Benachteiligungen nach Geschlecht nicht schlicht verteilt sind und nicht nach einem schwarz-weiß-Schema verlaufen. Auch für Männer sind bestimmte Aspekte im gesellschaftlichen leben nachteilhaft und auch Frauen stützen diese Aspekte. Dazu gehört auch Gewalt von Frauen gegen Männer. Warum soll das ein Tabuthema sein? Natürlich verfolgt der Feminismus auch viele gute Ziele. Aber das bedeutet nicht, dass man nicht auf die dortige Opfermentalität in überspitzter Form eingehen kann.
Der Ausdruck "Opfermentalität" ist es, der mich hier ganz gewaltig stört. Man verdreht mit einem einzigen, scheinbar ganz harmlosen Wort, die Machtverhältnisse um 180 Grad.
Aber die Genderdebatte gehört nicht in mein Blog; ich hätte mir diesen Eintrag wohl besser schenken sollen.
Schade, dass du einen deiner Beiträge der Selbstzensur geopfert hast, habe alle deine Einträge zum Thema begutachtet (wurde von "Spiegelfechter" zwar mit Schreibverbot belegt, aber mitzulesen ist möglich) und herausgefunden, dass deine Ansichten meinen gleichen.
Werd mich noch ein wenig auf deinem Bog umsehen. Irgendwie gefällts mir hier ,->
Ich glaube nicht, dass man aus dem Geschehen beim Spiegelfechter Rückschlüsse auf evt. Verwerfungen in der "linken Szene" machen kann. Zumindest in der radikalen Linken sind nicht nur die Diskussionen andere, sondern auch die Diskussionskultur. Also das, was da passiert ist, kenne ich in der Linken nicht. Im Gegenteil ich erfahre viel Solidarität, auch ganz praktische, und vorallem eine differenzierte Auseinandersetzung. Ich habe nämlich mit anderen Meinungen - entgegen aller Unkenrufe - kein Problem, aber ich erwarte ein gewisses Mindestniveau das nicht unterboten werden darf, in diesem Fall - und das ist nicht zu viel verlangt- das Grundgesetz. Alles, was darunter geht, ist indiskutabel. Aber darin besteht in solchen Debatten (außerhalb der Linken) auch das Problem. Manche halten es nämlich auch für völlig normal, als Alternative zur Gleichberechtigung, Leinenzwang für Frauen zu fordern oder die Unterbringung in Käfigen, und sollte man sich dagegen wehren, ist man mind. "ignorant" (und als Frau noch "frustzerfressen"). Schlimm ist auch, dass einer Frau selten jemand Humor zutraut. Das schadet meinem Unterhaltungsbedürfnis zwar nicht, besorgt aber fast eruptive Verwerfungen in manchen Männergehirnen. Würde ich zum Beispiel Schopenhauers Aufsatz "Über die Weiber" als modernes, radikalfeminstisches Essay "Über die Männer" umschreiben und veröffentlichen, bekäme ich mind. eine Vergewaltigungsdrohung und müßte 5 Fakeaccounts löschen lassen. Außerdem würde ohne Moderation die Kommentarfunktion rödeln und jeder, der Bock hatte, dürfte mir sagen, was er so zu meinem Privatleben vermutet.
Ich war froh, dass zu besagtem Artikel ein Gegenstandpunkt veröffentlicht wurde, danke dafür an Isi.
Dennoch ist mir irgendwie die Kinnlade runtergeklappt geblieben, auch durch die Menge an offen oder versteckt reaktionären Kommentaren, teilweise sogar von Jens Berger selbst, imho. Bei so einem massiven Aufgebot anzufangen und dagegen zu sprechen fällt mir schwer.
Aber unter diesen Kommentaren doch auch ein paar andere zu finden, über die der Autorin hinaus, war gut, danke dafür!
Also ich kann das bestätigen, dass manchmal auch in linken Gebieten plötzlich kleine bis mittelschwere gegen-emanzipatorische Eruptionen stattfinden (wenn auch oft eher im Kleinen; so ein bißchen kontraproduktives Reviergehabe z.B.).
Das überrascht oder schockiert halt erstmal, sollte aber natürlich nicht verallgemeinert werden. Ich denke es ist ein Prozess, manchmal stürzt da was ein, aber es wird auch Platz für Stabileres. Hoffe das klingt jetzt nicht esoterisch oder so. ; )
Ich kenne das halt aus dem Zusammenhang Tierrechte - das ist natürlich auch prädestiniert für aggressiv-autoritäre Gegnerschaft quer durch alle politischen Ecken, auch wenn es im Grunde ein linkes Thema ist. Da muss man sich dann auf Mühseligkeiten einstellen - leider sieht es wohl bei der Gleichberechtigung teilweise doch auch noch ähnlich aus. Aber es ist auch gut das zu wissen.
Gruß
Soll das quasi eine Bestätigung dessen sein, wovon ich oben schrieb? : ) Ich hatte nur meinen Erfahrungshintergrund erwähnt, ohne dessen thematischen Anlass hier diskutieren zu wollen, geschweige denn mir eine leere abfällige Bemerkung abzuholen. Bin schon weg...
Der Spiegelfechter hat sich auch bloß leere abfällige Bemerkungen von mir anhören müssen. Die inhaltliche Debatte muß man mE. jenseits solcher Schlagworte führen.
Da führt dann die Rede von der "Opfermentalität" zum Denunzieren von Opfern männlicher Gewalt genauso in die Irre wie der Versuch, das Schlachten von Tieren mit dem Mord von Menschen zu assoziieren.
"Der Spiegelfechter hat sich auch bloß leere abfällige Bemerkungen von mir anhören müssen."
Ich finde nicht, dass man die zwei Kommunikations-Situationen in diesem Sinne auch nur annähernd vergleichen kann. Das möchte ich dann doch noch sagen.
Ansonsten siehe mein obiges Posting, und ja, aufgeregte Assoziationen sind oft ungünstig. : )
Nichts für ungut,
Sharleen
Hallo,
es ist typisch Mann zu behaupten Homosexualität wäre nicht genetisch bedingt! Natürlich ist sie es!
Und natürlich gibt es auch die, die in gleichgeschlechtliche Beziehungen flüchten, um sich vor dem Mann zu schützen, nur leider verarschen sie die jeweilige Frau, man siehe Anne Heche und genau das ist und genau so sehe ich auch die Spät- und heute auch die Junglesben. Das Problem ist das Borderline-Syndrom! Weil immer mehr Kinder der Gewalt und Anwandlungen von Frauen und Männern ausgesetzt sind, bleibt nur sich zu teilen und wird zu einem Borderliner, vereinfacht ausgedrückt.
Und ein Borderliner weiß eben nicht, wer und was er ist, deshalb nennen sich viele bisexuell und ich denke aus Trotz "werden" sie zu Lesben.
Trotzdem bleibt die genetischbedingte Homosexualiät und die anerzogene, gemachte.
Ich als Lesbe weiß und erkenne, wer wirklich lesbisch ist oder "eben nur so tut".
Ich bin eine geborene Lesbe und keine gemachte. Ich habe nicht mehr und auch nicht weniger schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht als andere, heterosexuelle Frauen, eher habe ich schlechte Erfahrungen mit Frauen und Lesben gemacht, die meine Grenzen überschritten haben. Das aber machte mich zu keiner Lesbe!
Man sollte also unterscheiden.
@Bettina: Dir ist schon klar, daß Du Dich auf ein Zitat beziehst, gegen das ich hier ausdrücklich anstinke, oder?
Dabei ist die Frage, wie sexuelle Orientierungen bzw. Identitäten entstehen, in meinen Augen viel zu komplex, um das zu einem simplen Streit zu reduzieren, was "angeboren" bzw. was "anerzogen" sei. Judith Butler z.B. versucht zu beschreiben, wie selbst der geschlechtliche Körper keinesfalls "objektive Natur" ist, sondern im Verlauf sprachlicher Diskurse erst erzeugt wird. Das hat dann freilich nichts mit dem Vorwurf zu tun, lesbische Frauen "erfinden" einfach ihre Identität (Butler ist bekennende Lesbe und Galionsfigur der "Queer"-Bewegung). – Aber das ist eine Debatte, die in diese Schlammschlachten nicht wirklich hinein paßt.