Vernunft und Interesse
Was haben die Debatten über den Nichtraucherschutz, die Frauenrechte, und die Motorradraser miteinander gemeinsam? Inhaltlich natürlich nicht das mindeste. – Es verbindet sie jedoch auf der Metaebene einiges: sie werden von Interessen gelenkt. Deshalb werden sie in einer Schärfe geführt, die stets die Ebene von persönlichen Anfeindungen erreicht – und deshalb gibt es sie schon ewig, ohne Sicht auf ein Ende.
Das klassische Beispiel ist ein viertes: der Konflikt zwischen Arbeitern und Fabrikbesitzern über den angemessenen Lohn. Wenn sich diese beiden Parteien streiten, geht es immer wieder um hehre Begriffe wie "ökonomische Vernunft" und "Gerechtigkeit"; es werden von beiden Seiten unwiderlegbare Fakten aufgezählt, die den jeweiligen Standpunkt klar belegen; und man kommt auf der Ebene der Vernunft zwangsläufig zu keiner Einigung. Tarifkonflikte werden durch einen Kräftevergleich entschieden (das heißt nicht zwangsläufig: Streik); es hat – meines Wissens – noch nie einen Fall gegeben, wo die eine Seite die andere durch Vernunftgründe überzeugt hätte. Wie auch: beide Seiten haben nämlich recht. Sie argumentieren nur komplett aneinander vorbei und reden von zwei völlig unterschiedlichen Dingen.
Wie der Fabrikbesitzer seine Fabrik funktionsfähig halten will, und daher die Kosten niedrig halten muß, will der Arbeiter sich selbst und seine Familie über Wasser halten, und kämpft daher für höhere Löhne. Eigentlich ist das eine Binse – wenn man sich die Diskussionen zwischen Arbeitnehmern und -gebern in einer Talkshow ansieht, hört sich das aber regelmäßig so an, als wenn dies ein Gesichtspunkt sei, von dem niemand zuvor je gehört hätte: daß man es nämlich nicht mit zwei konträren Meinungen zu tun hat, von denen nur eine richtig sein kann – sondern mit unterschiedlichen Interessen
Ganz ähnlich läuft das Spiel bei den drei oben genannten Themen. Es streiten sich Raucher, die ein Interesse daran haben, wo immer möglich rauchen zu dürfen, mit Nichtrauchern, die sich dadurch belästigt sehen; Frauen haben eine andere Vorstellung vom Miteinander der Geschlechter als Männer; und Auto- und Motorradfahrer machen sich gegenseitig für die schweren Unfälle mit tödlichem Ausgang verantwortlich, um das eigene Tun möglichst nicht in Frage stellen zu müssen.
Die Tatsache, daß hier in der Sache grundsätzlich niemand recht haben kann, ist so unglaublich trivial, daß man erklären müßte, warum sie ständig verdrängt wird.
Ungeordnete Anmerkungen zum Thema:
Im Falle eines Interessenkonflikts hilft es überhaupt nicht, sich in die Situation seines Gegenüber hineinzudenken – das kann unmöglich gelingen. Man bewegt sich hier in einem Terrain, das dem Verstand unzugänglich ist.
Man kann sich zumindest die Metaebene vor Augen führen, wenn man die beiden Seiten irgend eines Konflikts dieser Kategorie aus persönlicher Erfahrung kennt. – Ich fahre sowohl Auto, als auch Motorrad, so daß ich ganz gut verstehe, worum der Konflikt hier geht – obwohl ich als Mopedfan und Autohasser dennoch klar Partei bin. Ich habe zwanzig Jahre Kette geraucht, und bin seit zehn Jahren Niktotinfrei, und habe deshalb für meine Gäste einen Aschenbecher im Wohnzimnmerschrank – obwohl ich es sehr begrüße, wenn der unbenutzt bleibt. – Trotzdem habe ich nicht den Hauch einer Chance, im Streit zwischen den Geschlechtern den Schiedsrichter zu geben.
Debatten innerhalb einer Interessengruppe unterscheiden sich grundsätzlich von jenen zwischen diesen Gruppen. Frauen (oder Männer) debattieren unter sich über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern völlig anders, als dies gemischte Gruppen tun. Im letzten Fall verlaufen die Frontlinien aber ebenso ungeordnet und unüberschaubar, wie in einer Debatte zwischen Arbeitgebern (unter ihnen z.B. ein Mittelständler und ein angestellter Manager einer AG) und -nehmern (hier z.B. ein Fließbandarbeiter mit drei Kindern, und der unverheiratete Vorsitzende des Betriebsrats eines Weltkonzerns).
Es hat nichts im mindesten Verwerfliches, seine Interessen zu vertreten. Man sollte dann aber bloß nicht so tun, als ob sich Vernunft und Moral nur auf der eigenen Seite finden.
Nur ist es eben so, dass Motorradfahrer und Autofahrer nicht mit den selben Chancen und Risiken auf der Strasse unterwegs sind.
Ein Motorradfahrer, der auf der Strasse einen nicht trivialen Fehler macht, ist immer einem hohen persönlichen Risiko ausgesetzt: er wird nahezu immer stürzen und ebenso häufig mindestens blaue Flecken davontragen.
Der Autofahrer kommt unter Umständen mit dem Schrecken davon.
Extrem formuliert: der Motorradfahrer gefährdet immer auch sich selbst, wenn er nicht bei der Sache ist; der Autofahrer kommt bei einem Fehler unter Umständen mit dem Schrecken (und ggfs. mit höheren Versicherungsbeiträgen) davon.
(Tangente: bei Radfahrern vs. Autofahrern ist das Verhältnis ähnlich, wenn auch subtil anders gelagert)
Der zweite Punkt, der für reichlich Missverständnis sorgt, ist, dass der Autofahrer nicht den Schimmer einer Ahnung hat, wie riskant (oder eben nicht) das ist, was der Motorradfahrer tut.
Insbesondere beim Überholen werde ich manchmal selbst bei harmlosesten Manövern von Autofahrern angeleuchtet oder -fuchtelt. Es gab vor einiger Zeit mal eine lobenswerte Ausgabe der Fernsehsendung "Rasthaus", bei der Richard Anacker (manchen bekannt aus drm) demonstrierte, wie krass der Unterschied in der Wahrnehmung ist. Sogar für mich als Motorradfahrer ist da ein "Unterschied sichtbar". Das liegt zum Teil auch an der Übersicht (der Motorradfahrer sitzt i.A. höher) aber auch an der Unmittelbarkeit des Fahrerlebnisses - und dem ganz anderen Verhalten eines Motorrads (bremsen/beschleunigen in Bruchteilen der Zeit ist da nur ein Teilaspekt).
Ich glaube, in all den von dir beschriebenen Interessenkonflikten mag zwar ein vollständiges Verstehen des anderen Interesses unmöglich sein. Dennoch sollte man es hin und wieder versuchen, sonst wird man blind für das Gegenüber.
Und wie immer gilt: man kann nicht alles haben.
Gerne möchte ich da ein Kleckschen Senf dazugeben: um es nämlich mit den altehrwürdigen Ton Steine Scherben zu sagen: "Wir brauchen keine Fabrikbesitzer - denn die Fabriken gehören uns!" Dann bräuchten sich die Angehöriegn dieser erbarmungswürdigen, da zum Aussterben verurteilten Klasse auch nicht über Lohnnebenkosten beklagen, derweil sie um ihre zig Milliönchen bangen, während andere für nen Appel und nen Ei die ganze Arbeit machen... ; )
@Blacky: Wenn Du Deinen Kommentar ausdruckst und ihn mir zuschickst, bekommst Du ihn unterschrieben zurück. - Zum Thema hatte ich mich an anderer Stelle schon geäußert.
@tx: Sag mir Zeit und Ort, und ich bin dabei... Wenn es denn so einfach wäre. Mein oberster Boss bei Steinberg ist ebenso Angestellter wie ich, und die Company gehört Yamaha, deren Chef ebenfalls ein - deutlich besser als ich bezahlter - Angestellter ist, und die sich als AG im weltweiten Streubesitz befindet. Die Chance ist nicht schlecht, daß Du irgendwo ein paar Cent Deiner Ersparnisse in Yamaha-Anteile investiert hast, und insofern einen Teil meines Arbeitsplatzes besitzt.
Generell ging es mir aber nicht um die Themen an sich, sondern um eine Metasicht auf die Art&Weise, in der die Debatten um sie geführt werden - und wie viele Emotionen hier hereinschwappen, kann man u.a. daran sehen, daß man nur die Stichworte nennen braucht, um sofort mitten in eine Debatte zu geraten ;-)
Ein sehr lehrreiches Beispiel für das Aneinander-vorbeireden findet man übrigens in dieser Auseinandersetzung über Motorradraser auf SPON (daß ich mal mit SPON verlinke, hätte ich nicht gedacht...).