26.1.2012

Userinterfaces (6)

(Themenanfang)

Jede technische Innovation geht erst dann in die Breite, wenn sie nicht nur problemlos funktioniert, sondern auch einfach zu bedienen ist. Das ist bei Autos nicht anders als im Bereich von Computersoftware. Noch in den 60ern mußte man sich richtig mit seinem Fahrzeug auskennen, um nicht unvermittelt mit ihm liegen zu bleiben; auf das Internet Anfang/Mitte der 90er hatten nur Spezialisten Zugriff; etc.

Lenkrad F!

Man sollte aber einen zweiten Punkt nicht übersehen. Wenn ich ein Familienauto verkaufen will, muß es einfach zu bedienen sein. Wenn ich jedoch einen Rennwagen baue, ist einfache Bedienbarkeit nur eine Anforderung. In erster Linie muß dieses Auto dem Fahrer alle Option geben, das Limit aus ihm herauszuholen. Das geht nicht ohne ein gewisses Maß an Komplexität im Userinterface – man muß sich nur einmal das Lenkrad eines Formel-1-Autos ansehen, um dafür ein Gefühl zu bekommen. Auch hier geht es natürlich nicht ohne erheblichen Aufwand bei Design der Bedienelemente – schließlich muß der Fahrer auf die Strecke schauen, und nicht auf die Knöpfe am Lenkrad. Es geht hier also nicht in erster Linie um Einfachheit, sondern Ergonomie bei der Bedienung, wobei man in Kauf nimmt, daß es eines gewissen Trainings bedarf, diese Bedienung zu erlernen. – Aber das ist jetzt genug mit Autometaphern.

Was ich sagen will: wenn man neue Sachen in der Software-Entwicklung ausprobiert, hat man nicht automatisch die richtigen Abstraktionen zur Hand, die dem User (und auch dem Programmierer) das Handwerk einfach machen. Wenn man dann noch die Kosten in der Entwicklung berücksichtigen muß (und nicht etwa mit einem Release Jahre warten will, weil man noch zahllose Iterationen bräuchte, um ein Feature „richtig” zu bekommen), hat man öfters nur zwei Möglichkeiten: man nimmt eine gewisse Komplexität hin, weil man dem User bestimmte Möglichkeiten nicht nehmen will; oder man streicht gewisse Optionen (indem man z.B. eine Auswahl durch einen Defaultwert ersetzt). Ich bin dann (nur dann, unter den oben genannten Restriktionen) eher geneigt, ein Menu mehr anzubieten, als es für ein sauberes Interface „richtig” wäre.

Ich bin überzeugt, die Mehrheit der User teilt meinen Standpunkt.

24.1.2012

Ökonomie steht vor totaler Neuorientierung

Beim ersten Mal hat es fast sieben Jahre gedauert. So viel Zeit verstrich zwischen dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 und dem Erscheinen der "Allgemeinen Theorie" von John Maynard Keynes im Jahr 1936. Der britische Nationalökonom rechnete darin grundlegend mit seinen Fachkollegen ab.

Die bis dahin gängigen Theorien seien allesamt nicht in der Lage, die Große Depression zu erklären und könnten der Politik keine Auswege weisen. "Die orthodoxe Wirtschaftslehre", urteilte Keynes im Vorwort seines Werkes barsch, "ist auf der falschen Fährte." Das Fach müsse nichts weniger als "aus den alten Denkmustern ausbrechen". In der "Allgemeinen Theorie" legte Keynes die Basis für ein neues Paradigma, das das Fach drei Jahrzehnte lang beherrschen sollte.

Heute, ein gutes Dreivierteljahrhundert später, steckt die Wirtschaftswissenschaft nach Ansicht vieler Beobachter in ganz ähnlichen Problemen: Die 2007 ins Rollen gekommene Finanz- und Wirtschaftskrise führte die Welt nicht nur an den Rand einer zweiten Großen Depression. Sie hat auch eine zunehmend hitzige Debatte darüber angefacht, ob wichtige Teile der Volkswirtschaftslehre auf dem falschen Gleis unterwegs waren.

Immerhin: das kann man heute im Handelsblatt lesen. Von „hitzigen Debatten” sehe ich allerdings nur wenig.

23.1.2012

Wie die Uni-Ökonomen versagen

Im Jahre 2002 erschien im Journal of Political Economy ein Artikel mit dem vielversprechenden Titel "A Theory of Prostitution". Zwei Ökonominnen, Lena Edlund und Evelyn Korn beschäftigen sich darin mit einem "hochinteressanten" Phänomen: Prostitution ist eine Tätigkeit, die keine Ausbildung braucht, arbeitsintensiv ist und hauptsächlich von Frauen durchgeführt wird. Und trotzdem, und jetzt kommt das Rätsel, sind Prostituierte im Durchschnitt gut bezahlt. Wie kann das sein?[…]

Aber das Naheliegende ist natürlich viel zu einfach. Die "Freude am Sex mit einer jungen Frau" als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor. Stattdessen zerbrechen sich die Autorinnen den Kopf, warum verheiratete Männer zu Prostituierten gehen, obwohl sie Sex doch billig zu Hause haben könnten.

Oekonomenstimme.

Ich verlinke den Beitrag ohne eigene Meinung – ob das nur billige Polemik oder doch eher ein gutes Beispiel für das Versagen der ökonomischen Wissenschaften ist, kann ich nicht entscheiden (ich tendiere zu Letzterem).

17.1.2012

David Graeber: On the Invention of Money

[…] Just in way of emphasis: economists thus predicted that all (100%) non-monetary economies would be barter economies. Empirical observation has revealed that the actual number of observable cases—out of thousands studied—is 0%. […]

What anthropologists have in fact observed where money is not used is not a system of explicit lending and borrowing, but a very broad system of non-enumerated credits and debts. In most such societies, if a neighbor wants some possession of yours, it usually suffices simply to praise it (“what a magnificent pig!”); the response is to immediately hand it over, accompanied by much insistence that this is a gift and the donor certainly would never want anything in return. In fact, the recipient now owes him a favor.

David Graebers Buch „Dept” wird derzeit viel diskutiert – in seinem Blogeintrag bei nakedcapitalism.com kann man eine knappe Zusammenfassung seiner Argumente finden.

(Via)

16.1.2012

Dietrich Buxtehude: Membra Jesu Nostri

Die Musik beginnt bei ca. 2:30:

Wenn jemand freiwillig 400 Kilometer zu Fuß zurücklegt, muss er schon ein besonderes Ziel haben. Von Johann Sebastian Bach, damals 20 Jahre alt und schon zwei Jahre als Organist in Arnstadt, hören wir, dass er im Herbst 1705 diese Strecke von Arnstadt nach Lübeck gewandert ist. Im „Nekrolog“, verfasst von seinem Sohn C. Ph. E. Bach und J. F. Agricola, einem Schüler von J. S. Bach, ist zu lesen: „[…] ihn [J. S. Bach] bewog ein besonders starker Trieb, den er hatte, so viel von guten Organisten, als ihm möglich war, zu hören, daß er, und zwar zu Fusse, eine Reise nach Lübek antrat, um den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche Diedrich Buxtehuden, zu behorchen. Er hielt sich daselbst nicht ohne Nutzen, fast ein vierteljahr auf, und kehrete alsdenn wieder nach Arnstadt zurück.“

Er hatte vier Wochen „Bildungsurlaub“ erhalten, blieb aber fast vier Monate fort. Auf die Frage „[…] wo er unlängst so lange geweßen?“ gab er die Antwort: „Er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen.“ So ist es aufgezeichnet im „Protokoll des Konsistoriums Arnstadt, 21.2.1706“.

Klaus Jürgen Thies: Dietrich Buxtehude und Bach (PDF).

J.S.Bach hat damals seinen „Bildungsurlaub“ nicht etwa abgebrochen, weil ihm am Werk des Lehrers nicht gelegen wäre. Buxtehude wollte ihn als seinen Nachfolger, verband das aber mit der Bedingung, daß der seine (mittlerweile knapp 40jährige) Tochter heiratet. Erst nach langem Zögern und wohl schweren Herzens verabschiedete sich Bach, und ging zurück nach Arnstadt, zu seiner Jugendliebe, Maria Barbara. – Diese Geschichte ist wahrscheinlich nur eine Legende; das macht sie nicht weniger wahrhaftig.

Eine meiner Hausstrecken auf dem Motorrad führt über Lübeck. Ich mache dort oft eine Pause, u.a., um die Marienkirche zu besuchen, in der Buxtehude begraben liegt, um dem Lehrer des Meisters meinen Respekt zu bezeigen.

9.1.2012

Der trainierte Mensch

Kultur macht das Leben nicht bequem, sondern unruhig. Schönheit ist ebenso beunruhigend wie das Grauen […] Wenn wir uns darauf einlassen, finden wir, dass ein Kunstwerk, ganz gleich wie fern uns seine Entstehung liegt, in einen gegenwärtigen Dialog mit uns tritt.

Wer sich auf solche Dialoge einlassen will, bedarf dazu einiger kultureller Voraussetzungen. Deshalb ist Kultur mit Bildung auf Gedeih und Verderb verschwistert. Zumindest seit der Aufklärung, deren Segen ihren Schrecken doch überwiegt, ist unsere Kultur ohne Bildung nicht mehr denkbar.

Wie sieht es heute damit aus?
Wir haben, grob gesagt, starke Bildungsinstitute ohne Kultur. Das liegt weder an den Lehrenden, noch an den Lernenden. Es liegt an dem grotesk falschen Verständnis von Bildung, das sich in der Wissensgesellschaft durchgesetzt hat.[…]
Bildung ist die Verwandlung geistiger Erfahrung in lebendiges Bewusstsein […] bildlich gesprochen: den eigenen Ort in der Welt zu finden und zu verstehen. Genau das ist offenbar kein Ziel der Pädagogik mehr – die Inhalte, die dafür nötig wären, werden zurückgedrängt zugunsten anderer Curricula, deren unmittelbar nützliche Anwendbarkeit im Berufsleben hervorgehoben wird. Der trainierte Mensch, der dabei entsteht, hat als Idealbild der sogenannten Informationsgesellschaft den gebildeten Menschen abgelöst.[…]

[…] Häufig stoße ich in Schulen, bei Lesungen vor Deutschleistungskursen […] auf Abiturjahrgänge, die erstaunlich wenig für ihr Fach gelesen haben, aber über ein ebenso verblüffendes wie überflüssiges germanistisches Fachwissen verfügen. Manche können eine Tautologie von einem Pleonasmus und diesen von einem Hendiadyoin unterscheiden, kennen aber keine Ballade, haben so gut wie nie ein Theaterstück ganz gelesen, oft nur einen Roman, mehr oder weniger vollständig; doch man hat ihnen die strukturellen Unterschiede der literarischen Gattungen und die Schubladen der Literaturepochen beigebracht.

(Gert Heidenreich; via NachDenkSeiten.)

Ich habe am Wochenende einige Fragen beantwortet, die eine Sechstklässlerin zu der nächsten Klassenarbeit im Fach Musik hatte. Da ging es allesamt um die Fähigkeit, Noten zu lesen: benenne Noten im Violin- und Baßschlüssel; vervollständige eine rhythmische Struktur so, daß sie im Taktmaß aufgeht; erkenne den Unterschied zwischen Achtel- und Vierteltriolen; etc. Das Problem, bei dem ich dann um Hilfe gebeten wurde, drehte sich um die korrekte Auflösung des Endtaktes eines auftaktigen Stückes.

Nochmals: sechste Klasse. In diesem konkreten Fall werden zwar immerhin drei Wochenstunden Musik geboten, aber, soweit ich das weiß, ist das Erlernen eines Musikinstruments dort keine Pflicht. Mehr noch: anscheinend wird dort nicht einmal regelmäßig gesungen.

Ganz offenkundig erwartet der Lehrer von den Schülern nicht im Ansatz ein Verständnis, warum sie Notenschrift lernen; es geht darum, antrainiertes „Wissen“ zu testen und mit einer Zensur zu versehen.

Gert Heidenreich hat im oben verlinkten Essay Grundsätzliches darüber gesagt, warum solch ein Vorgehen nicht nur offenkundiger Unsinn ist, sondern vorsätzliche Geistesverletzung an unseren Kindern.

Ich bin der Meinung, daß zu einer ordentlichen musikalischen Ausbildung unbedingt gehört, daß man Noten lernt – und zwar gerade in einer Zeit, in der musikalischer Analphabetismus nicht nur toleriert wird, sondern fast schon unabdingbar ist, wenn man nach „street credibility” als Popmusiker sucht. Auf den ersten Blick ist das ein anachronistischer Standpunkt, den ich erst begründen müßte. Eine Praxis der musikalischen Ausbildung, in der die Kinder Notenschrift gewissermaßen mit der Rute eingebleut bekommen, macht es mir freilich fast unmöglich, dafür noch gute Argumente zu finden.

Nachtrag: Ich gehöre keinesfalls ins Lager jener, die „Kultur” allein als Leistung des „Geistes” definieren; ein Zentrum meiner Texte liegt im Hinweis, daß es Bereiche von Wissen jenseits des Verstandes gibt; u.a. hier und – zentral – hier.

6.1.2012

Oliver Kalkofe - Die wahre Presserklärung von Christian Wulff

Ich muß das doch noch nachreichen: die stellvertretende Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, vorgetragen von Oliver Kalkofe.


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