2.9.2012

Autotour, 3.Tag - von Dresden nach Prag

Als ich heute mit dem Auto von Dresden nach Prag gefahren bin, habe ich einen Umweg genommen, und bin einige Zeit durch Nebenstraßen im Erzgebirge und in Böhmen getändelt. Das war ein durchaus lohnendes Unternehmen – obwohl ich mir kurzzeitig gewünscht hätte, die Tour auf dem Motorrad zu machen (abgesehen von ein, zwei Kurven, in denen plötzlich Rollsplitt lag, in denen ich auf zwei Rädern vor üblen Problemen gestanden hätte, die im Auto aber höchstens die Sorge auslösten, ob der Lack von ein paar fliegenden Steinchen womöglich verkratzt).

Die sanften Hügel, an denen man in Böhmen vorbeifährt, haben eine Kette von Assoziationen zu einem Gespräch ausgelöst, das ich kürzlich in einer entspannten Runde hatte. Es ging – einmal mehr; das ist eines meiner Lieblingsthemen – um den Zusammenhang zwischen Kunsterfahrung und -verständnis. Meiner Meinung nach verändert sich die Erfahrung von Kunst ganz massiv, wenn man etwas über sie weiß. Man kann an Kunst naiv, ohne näheres Wissen über ihre Hintergründe, herantreten, und aus dieser Perspektive durchaus gültige Urteile über sie fällen. Wenn man jedoch etwas über diese Hintergründe gelernt hat, wird man dieselben Werke anders sehen (bzw. – wenn es um Musik geht – hören). Zunächst ist dies keine „besseres“ Sehen – auf alle Fälle aber eines, das tiefer geht (auch hier: Vorsicht; keine Wertung), und zu Schichten im Kunstwerk Zugang verschafft, die ohne „Bildung“ unzugänglich wären.

Ich will in der Debatte gar nicht ins Detail – ich habe, hier im Blog, früher schon einiges zu dem Thema gesagt. Im besagten Gespräch hatte ich es mit einer bildenden Künstlerin zu tun – und mir fiel, nach einigem Wein, kein schlagendes Beispiel aus ihrem Bereich ein, um meinen Standpunkt zu belegen (außerhalb von Geschichten über Musik). Angesichts der runden Hügel Böhmens hatte ich dann nachträglich doch noch eines – viel zu spät, um noch einen Punkt zu machen – unvermittelt vor Augen.

Die Malerei der italienischen Renaissance ist berühmt für ihr gewissermaßen „wissenschaftliches Design“ - man war bemühte, die Realität möglichst „objektiv“ einzufangen, und entwickelte u.a. neue Verfahren in der Darstellung der Perspektive (wobei die Konstruktion des „Fluchtpunkts” nicht die einzige Neuerung war). - Selbst wenn man mit dieser übertriebenen verkürzten Darstellung nicht einverstanden ist (man kann und sollte es nicht sein), stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Landschaftsmalerei so komplett quer zu diesem Ideal zu stehen scheint: gerade in der Darstellung der Natur, sollte man meinen, wäre die Herausforderung besonders stark, die Dinge so zu schildern, wie sie dem Auge erscheinen.

In den Landschaften der Gemälde der Renaissance finden sich jedoch gänzlich unwirkliche Konstrukte – da reiten grandios bis ins letzte Detail ihrer Gewänder realistisch ausgeführte Menschengestalten durch eine Märchenwelt aus abgerundeten Formen, die einer Phantasie über die Wirklichkeit auf einem fernen Planeten zu entstammen scheinen.

Das bleibt solange unerklärlich, bis man weiß, wie die gängige wissenschaftliche(!) Erklärung für die Entstehung von Bergen und Hügeln zu jener Zeit lautete: man nahm an, daß unterirdisch wirkende Gase die Oberfläche verbiegen und verformen. Solch eine Theorie muß zum Schluß kommen, daß Berge normalerweise rund sind – etwa so, als ob man einen Luftballon unter den Grasflächen und Wäldern aufbläst. Die Malerei führt hier sozusagen den Beweis für eine wissenschaftliche Theorie ihrer Zeit – sie sieht die Welt durch die Brille einer Welterklärung, die damals als bewiesen galt. Insofern stehen diese Darstellungen eben in keinem Widerspruch zum Anspruch, die Welt so darzustellen, wie sie ist. Man ist sogar schon einen Schritt weiter (und das ist keinesfalls ironisch gemeint): wirklich ist nicht das, was das Auge sieht, sondern was der Verstand erklärt.

Hier schließt sich dann der Bogen: angesichts der böhmischen Landschaft kann man sofort nachvollziehen, wie es zu solch einer eigenartigen Auffassung dessen kommen konnte, wie Berge entstehen. Hier ist die Landschaft rund, und wirkt wie eine Erklärung, warum die Wissenschaften in der Renaissance zu solch merkwürdig (heute!) offenkundig falschen Schlüssen kommen konnten.

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