12.6.2012

Charles Chaplin: „The Great Dictator“ und das Vorspiel zum „Lohengrin“

In Chaplins „The Great Dictator“ gibt es eine Szene, die jeder auch nur ansatzweise cineastisch interessierte Zeitgenosse kennen dürfte: der Tanz des Diktators mit der Weltkugel. Die Botschaft dieser Szene ist auf den ersten Blick mehr als offensichtlich: Adenoid Hynkel (Hitler) träumt von Weltherrschaft. Für einen Film, der 1938 geschrieben und 1940 uraufgeführt wurde, wirkt dies wie eine hellsichtige Prognose auf das, was noch kommen sollte, und man kann nicht anders, als Chaplins fast prophetische Weitsicht zu bewundern.

Zu diesem Zeitpunkt war keinesfalls klar, in welche Katastrophe Hitlers Herrschaft münden würde. Es gab genügend Stimmen, die im Deutschland jener Tage ein Vorbild für die Überwindung der Weltwirtschaftskrise sahen, und in der Bewegung der Nazis ein bewundernswürdiges Ideal für den Kampf gegen die kommunistische Bedrohung. Das ging soweit, daß Chaplin die – zu jener Zeit enorme – Summe von 2 Millionen Dollar aus seinem Privatvermögen in die Hände nehmen mußte, um den Film zu finanzieren. Kein Studio in Hollywood wollte das Risiko eingehen, es sich mit den Meinungsführern zu verscherzen.

Die Szene mit dem leichten Luftballon, der die Erdkugel repräsentiert, ist nur auf den ersten Blick offenkundig und unmissverständlich. Wenn man nicht nur hinsieht, sondern auch auf die Filmmusik achtet, stellt sich die Frage: warum wird sie von Wagners „Lohengrin“-Vorspiel untermalt[1]? Man hört die „himmlischen“ Geigen, die in Wagners Oper die Ankunft des Schwanenritters mit Akkorden in höchster Lage begleiten; und wenn Hynkel der Luftballon zerplatzt, folgt ein weiterer musikalischer Kommentar, diesmal von Wagner-Tuben (ich vermute ein Zitat, habe aber nur eine Assoziation, was dies sein könnte: Siegfrieds Trauermarsch).

Das kann keine pure Klangmalerei sein. Chaplin war Musiker durch und durch, der die Musik für all seine Filme selber komponierte, und allenfalls die Orchesterarrangements anderen überließ. Mehr noch: das Lohengrin-Zitat tritt ausgerechnet am Ende des Films ein weiteres mal auf: Paulette Goddards Gesicht in den letzten Einstellungen – als sie der großen Rede Chaplins, mit der Hoffnung auf Frieden und Freiheit, hinterher lauscht – wird wieder mit der Musik des Lohengrin-Vorspiels unterlegt (mit der auch der Film schließt).

Ich schließe mich der Intuition von Costa-Gavras an, der in einem Kommentar[2] anmerkt, daß man hier gar nicht den Diktator, sondern Chaplin selber sieht. Costa-Gavras‘ Argumente basieren auf der filmischen Umsetzung und körperlichen Präsenz der Figur, die man unmöglich dem Diktator, sondern nur Chaplin selber zuschreiben könne: wer da die Weltkugel mit dem ganzen Körper bewegt, sei nicht der Diktator, sondern der „Jewish Barber“, der schon an dieser Stelle seine Rolle übernommen hat. - Die Musik unterstreicht diese Interpretation.

  1. [1] Selbst Google scheint auf diese Frage keine Antwort zu haben.
  2. [2] Costa-Gavras in seinem Kommentar in den „Extras“ auf der Arthaus-Blu-Ray.

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