14.4.2011

Notiz – Wittgenstein (2)

Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ sind keinesfalls die unlesbare Tretmühle, für die ich sie im Vorurteil hielt, nachdem ich beim „Tractatus“ irgendwann aufgegeben hatte. Ich finde hier Einsichten, die mich wiederholt unwillkürlich lächeln lassen – wie besonders gelungene Stellen in einer Erzählung, einem Roman.

Der Text folgt keiner stringenten Argumentation – das kann er auch gar nicht, weil er zeigt, daß Sprache sich den strikten Ansprüchen von Logik keinesfalls fügen kann, wie Wittgenstein das noch im „Tractatus“ vorführen wollte. Gleichzeitig ist die Abfolge der Paragraphen aber keinesfalls ungeordnet oder beliebig – sie ergibt Sinn, wie Sprache selber das tut, nämlich in einer gewußten, wenn auch nicht benennbaren Form.


Vergleiche: wissen und sagen:
wieviele m hoch der Mont-Blanc ist –
wie das Wort »Spiel« gebraucht wird –
wie eine Klarinette klingt.
Wer sich wundert, daß man etwas wissen könne, und nicht sagen, denkt vielleicht an einen Fall wie den ersten. Gewiß nicht an einen wie den dritten.

(Wittgenstein, PU 78)

Dieser Absatz läßt mich gerade nicht los: wenn ich mich wundere, daß man etwas wissen, aber nicht sagen kann, fällt mir zuerst der dritte Satz ein. – Oder ist gemeint, beim dritten Satz würde man sich gar nicht erst über das Auseinanderfallen von „Wissen” und „Sagen” wundern, sondern das für selbstverständlich halten? – obwohl dieser Sachverhalt auch für den ersten Satz gilt?


Wenn ich sage »N ist gestorben«, so kann es mit der Bedeutung des Namens »N« etwa diese Bewandtnis haben: Ich glaube, daß ein Mensch gelebt hat, den ich (1) dort und dort gesehen habe, der (2) so und so ausgeschaut hat (Bilder), (3) das und das getan hat und (4) in der bürgerlichen Welt diesen Namen »N« führt. – Gefragt, was ich unter »N« verstehe, würde ich alles das, oder einiges davon, und bei verschiedenen Gelegenheiten Verschiedenes, aufzählen. Meine Definition von »N« wäre also etwa: »der Mann, von dem alles das stimmt«. - Aber wenn sich nun etwas davon als falsch erwiese! – Werde ich bereit sein, den Satz »N ist gestorben« für falsch zu erklären, – auch wenn nur etwas mir nebensächlich Scheinendes sich als falsch herausstellt? Wo aber ist die Grenze des Nebensächlichen? – Hätte ich in so einem Fall eine Erklärung des Namens gegeben, so wäre ich nun bereit, sie abzuändern.

Und das kann man so ausdrücken: Ich gebrauche den Namen »N« ohne feste Bedeutung. (Aber das tut seinem Gebrauch so wenig Eintrag, wie dem eines Tisches, daß er auf vier Beinen ruht, statt auf dreien, und daher unter Umständen wackelt.)

Soll man sagen, ich gebrauche ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kenne, rede also Unsinn? – Sage, was du willst, solange dich das nicht verhindert, zu sehen, wie es sich verhält. (Und wenn du das siehst, wirst du manches nicht sagen.)

(Das Schwanken wissenschaftlicher Definitionen: Was heute als erfahrungsmäßige Begleiterscheinung des Phänomens A gilt, wird morgen zur Definition von »A« benützt.)

(PU 79)

Die beiden letzten Absätze fahren wirklich schweres Geschütz auf. Mir ist noch nicht ganz klar, mit welcher Munition es geladen ist – es steht aber außer Frage, daß es für so manche Position vernichtend ist.


Das Denken, die Sprache, erscheint uns nun als das einzigartige Korrelat, Bild, der Welt. Die Begriffe: Satz, Sprache, Denken, Welt, stehen in einer Reihe hintereinander, jeder dem andern äquivalent. (Wozu aber sind diese Wörter nun zu brauchen? Es fehlt das Sprachspiel, worin sie anzuwenden sind).

(PU 96)

Ich paraphrasiere: Satz, Sprache, Denken, Welt – das ist ja eine Folge von Wörtern, die man in einer unausweichlichen Verkettung vermutet. Da Wörter aber nur durch ihren Gebrauch Sinn ergeben, stellt sich die Frage nach dem Sprachspiel, in dem sie auftauchen. (Eine Antwort – der Wittgenstein vielleicht sogar zustimmen könnte – würde lauten: im Diskurs der Suche nach Transzendenz.)


Zwei weitere Fundstücke, die mir unmittelbar einleuchten, obwohl ich sie noch nicht (oder möglicherweise: nie) einordnen kann:

Augustinus (Conf. XI/14): »quid est ergo tempus? si nemo ex me quaerat scio; si quaerenti explicare velim, nescio.«(*) - Dies könnte man nicht von einer Frage der Naturwissenschaft sagen (etwa der nach dem spezifischen Gewicht des Wasserstoffs). Das, was man weiß, wenn uns niemand fragt, aber nicht mehr weiß, wenn wir es erklären sollen, ist etwas, worauf man sich besinnen muß. (Und offenbar etwas, worauf man sich aus irgendeinem Grunde schwer besinnt.)

(PU 89)
(*) „Was also ist »Zeit«? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht.“


Die Grammatik von »passen«, »können« und »verstehen«. Aufgaben:
1) Wann sagt man, ein Zylinder Z passe in einen Hohlzylinder H? Nur solange Z in H steckt?
2) Man sagt manchmal: Z hat um die und die Zeit aufgehört, in H zu passen. Welche Kriterien verwendet man in so einem Fall dafür, daß es um diese Zeit geschah?
3) Was betrachtet man als Kriterien dafür, daß ein Körper sein Gewicht um eine bestimmte Zeit geandert hat, wenn er damals nicht auf der Waage lag?
4) Gestern wußte ich das Gedicht auswendig; heute weiß ich's nicht mehr. In was für Fällen hat die Frage Sinn: »Wann habe ich aufgehört, es auswendig zu wissen«?
5) Jemand fragt mich: »Kannst du dieses Gewicht heben?« Ich antworte »Ja«. Nun sagt er »Tu's!« – da kann ich es nicht.

Unter was für Umständen würde man die Rechtfertigung gelten lassen: »Als ich antwortete ›Ja‹, da konnte ich's, nur jetzt kann ich's nicht«?

Die Kriterien, die wir für das ›Passen‹, ›Können‹, ›Verstehen‹ gelten lassen, sind viel kompliziertere, als es auf den ersten Blick scheinen möchte. D.h., das Spiel mit diesen Worten, ihre Verwendung im sprachlichen Verkehr, dessen Mittel sie sind, ist verwickelter – die Rolle dieser Wörter in unsrer Sprache eine andere, als wir versucht sind, zu glauben.

(Diese Rolle ist es, die wir verstehen müssen, um philosophische Paradoxe aufzulösen. Und darum genügt dazu gewöhnlich nicht eine Definition; und schon erst recht nicht die Feststellung, ein Wort sei ›undefinierbar‹.)

(PU 182; Umformatierungen von mir)

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