14.12.2009

Technologische Neuerungen (3) - Fortschrittspositivisten & Zukunftsfeinde

(Komplettes Thema)

Stephensons Adler
Stephensons "Adler" - in Farbe
und im Zeichen der Elektrifizierung
(Bild: Wikipedia)

Wenn neue Technologien auftauchen, kann man regelmäßig dabei zusehen, wie zwei konträre Positionen aufeinander prallen: jene, die besagt, alles, was neu ist, müsse prinzipiell auch gut sein[1], und die andere, die ebenso grundsätzlich darauf beharrt, eine neue Sache könne nur schlechter sein als die, die sie ersetzt[2]. Beide Gruppen haben gute Argumente, und wenn man sie anhört, kann man gar nicht damit aufhören, bestätigend mit dem Kopf zu nicken. Man kann, um den Zank zu versöhnen, sich aus beiden Lagern die besten Argumente picken, und etwa die Meinung vertreten, daß z.B. die Erfindung der Eisenbahn, des Computers oder des Internets ja jeweils durchaus interessante Dinge ermöglichen, obwohl diese Einsicht keinesfalls mit dem Wunsch einher gehen muß, gleich von Anfang dabei zu sein[3]. Man kann aber auch die Frage stellen, warum diese Debatte ständig wieder auftaucht, obwohl sie, bei näherem Hinsehen, weniger über die Sache, sondern eher etwas über die Diskutanten besagt.

Die Fortschrittsoptimisten stellen sich auf den Standpunkt des „Jetzt“, gucken zurück und sehen, daß es schon früher technologische Entwicklungen gegeben hat, die anfangs angefeindet wurden, sich später aber nachhaltig durchgesetzt haben – mehr noch: je wichtiger eine Erfindung war, desto heftiger war anfangs der Widerstand. Daraus ziehen sie dann den Schluß, daß sich dies auch bei den momentan unter Beschuß stehenden Neuigkeiten so verhalten wird, und prognostizieren munter in die Zukunft. Sie vergessen dabei, daß jede Zukunftsprognose noch immer daneben lag. Man kann aus dem Heute nicht auf das Morgen schließen, weil man dann immer nur das Bestehende verlängert. Man kann allenfalls eine Zunahme der Quantitäten annehmen, aber nicht das Umschlagen einer Entwicklung in eine neue Qualität antizipieren. Letzteres ist aber entscheidend: eine neue Erfindung verändert immer auch ihre Erfinder. Eine Welt, die global durch die Eisenbahn vernetzt wird, ist komplett anders strukturiert, als sie ein Zeitgenosse 1835 prognostizieren könnte – der kann sich nicht über seine Zeit erheben, sondern verbleibt allenfalls bei der Vorstellung einer Zukunft, die über besonders schnelle Postkutschen verfügt. Nicht anders geht es jenen, die heute der Meinung sind, Twitter sei die Zukunft der SMS. Etc.

Die Konservativen übersehen denselben Zusammenhang aus anderen Gründen. Zunächst ist ihnen jede Dynamik per se verdächtig, weil es aus ihrer Sicht ja in erster Linie darum geht, Bewährtes zu erhalten. Neue Erfindungen scheinen ihnen notorisch in Konkurrenz zum Bestehenden zu treten, weil das, was wirklich neu ist, für sie nur auf dem Hintergrund der Tradition sichtbar wird. Das Neue ist eine Bedrohung, weil es das Alte zu verdrängen scheint. Tatsächlich jedoch schiebt sich das Neue stets neben das Alte; mehr noch: selbst der rückwärts gerichtete Blick verändert sich ständig. Geschichte schreibt sich immer neu. Das Bild, das wir von der Welt unserer Großeltern haben, unterscheidet sich deutlich von jenem, das unsere Eltern von ihr hatten. Der Blick der wilhelminischen Zeit auf Stephensons Adler (Deutschlands erster Dampflok) ist geprägt von einer Welt, in der die Dampfmaschine Alltag war, und hat mit unserem nostalgischen Blick auf dieselbe Maschine nicht das Geringste zu tun. Ähnliches gilt für den heutigen, von der Erfahrung mit Computern freien Rückblick der Journalisten alter Schule auf die Druckerpressen noch der 70er Jahre. Etc.

Der zweite, nicht weniger entscheidende Punkt ist die Rolle, die für beide Standpunkte Urteile über Werte spielen. Die Ablehnung von technischen Neuerungen ist von einer energischen Bewertung der (befürchteten oder tatsächlich eingetretenen) Folgen begleitet. Fortschritt sei falsch, weil er positiv bewertete Sachverhalte vernichte, und dem nichts gleichermaßen Wertvolles entgegenzusetzen habe. Lokomotiven produzieren nur Ruß und verdrecken Kleidung und Augen der Reisenden, Computer sind eh unbrauchbar, und das Internet bringt eine Massenkultur ohne Sinn hervor und verdrängt jede vernünftige Stimme. Umgekehrt spielt für die Fraktion der Fortschrittsgläubigen „Wert“ kaum eine Rolle, wenn er nicht geradezu verlacht wird. Wertende Zuordnungen werden dann marginal, wenn man sich gegen den Lauf der Zeit eh nicht wehren kann – wenn die Dinge nun einmal geschehen, ob man dies will, oder nicht. „Positivistischen Fortschrittsglauben“ nannte man das im soziologischen Seminar der 80er Jahre, und da war Positivismus als Schimpfwort gemeint. „Geist“ ist aus dieser Perspektive ein Synonym für „Gestern“ und völlig überbewertet, „Geschwindigkeit“ hingegen von großer Ästhetik, was besonders schön im Krieg zur Geltung kommt[4]. Etc.pp.

[An beiden Polen ist ganz offensichtlich etwas falsch – ich komme darauf zurück. Ein konkretes Beispiel, das ich die ganze Zeit im Kopf habe – die Geschichte der Drummachine in der Popmusik – bleibe ich zunächst schuldig.]

  1. [1] Z.B. Kathrin Passig im Merkur.
  2. [2] Z.B.Ronnic Vuine in den Vigilien.
  3. [3] Z.B. Spreeblick.
  4. [4] Vgl. das Manifest des Futurismus aus den 20er Jahren.
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