19.5.2009

Kommunikation & Herrschaft

[Ich bin mit meiner Luhmann-Lektüre längst noch nicht soweit, daß ich mir Kritik erlauben könnte. Trotzdem muß ich mal festhalten, was mich dort jetzt schon stört.]

Für Luhmann steht der Begriff der Kommunikation an zentraler Stelle: ein soziales System erhält sich selbst, indem es kommuniziert. Luhmanns Kommunikationsbegriff hatte ich in einem anderem Zusammenhang kurz zusammengefaßt - zentral ist hier, daß jede Kommunikation anschlußfähig ist, wie Luhmann sagt, daß sie also Anlaß zu neuer Kommunikation bietet. Ein soziales System gewinnt seine innere Geschlossenheit durch einen rekursiven Prozeß, in dem Kommunikation selbstbezüglich immer weitere Wellen schlägt.

Der Gedanke, daß Gesellschaft durch einen rekursiven Prozeß am Laufen gehalten wird, leuchtet mir unmittelbar ein. Dabei scheint mir aber Kommunikation als Antrieb für solch einen Prozeß ein viel zu breiter und schwammiger Begriff zu sein, der letztlich die zentrale Frage hinter einer Nebelwand versteckt.

Laut Luhmann findet Kommunikation statt, sobald sie bei demjenigen als Kommunikation wahrgenommen wird, an den sie sich richtet. Dabei ist völlig egal, ob und in welchem Grad die Mitteilung vom Adressaten auch verstanden wird - Luhmann geht ja gerade davon aus, daß in der Differenz aus Mitteilung und Information eine grundsätzliche Differenz eingebaut ist, so daß die Dechiffrierung einer Mitteilung auf ihren Informationsgehalt prinzipiell unmöglich ist (wodurch sich Anschluß - die Notwendigkeit für weitere Kommunikation - ergibt).

Diese Definition finde ich nun eher zweifelhaft. Kommunikation kann ja zwei unterschiedliche Konsequenzen haben: die kommunizierenden Personen reden letztlich nur aneinander vorbei, ohne daß dies Folgen hätte, ober aber sie einigen sich auf ein gemeinsames Handeln, und setzen dieses auch um. Luhmann scheint von der Annahme auszugehen, daß es ein Irrglaube sei, daß Kommunikation Konsequenzen hat - in seiner Definition bringt sie immer nur sich selbst hervor und hat keine Chance, aus der selbstbezüglichen Schleife auszubrechen. Ich bin - unter dem Vorbehalt, daß ich Luhmann hier möglicherweise noch falsch verstehe[1] - anderer Meinung.

Wenn ein Leutnant seinem Trupp einen Befehl erteilt, führt dies unvermeidlich zu Konsequenzen: er wird befolgt (z.B. der Trupp greift an), oder er wird verweigert (die Untergebenen landen vor dem Kriegsgericht). Nun ist dieses Beispiel insofern extrem, als man darüber streiten kann, ob es sich noch um Kommunikation handelt. Ein Kommando in einem Kampfeinsatz ist letztlich nichts anderes als das Drücken eines Knopfes. Wie in einem kommunikativen Prozeß muß zwar auch hier das Verstehen des Adressaten stattfinden. Im Unterschied zu diesem ist aber kein Anschluß möglich - es findet keine rekursive Rückkopplung statt.

Dabei ist solch ein Kommando aber nur das Extrem auf einer langen Linie. Wenn z.B. im Generalstab über die richtige Strategie beraten wird, ist das unzweifelhaft Kommunikation, nur daß diese hier irgendwann abbricht und zu einer Handlungsanweisung führt. Das kann man fortsetzen in der Beschreibung von Kommunikation innerhalb der Führung einer Firma, und wird selbst in der scheinbar flachen Hierarchie eines Freundeskreises fündig, wenn es um die Debatte geht, wer das nächste Bier holt.

Gesellschaft ist nicht denkbar ohne Herrschaft, und Kommunikation letztlich nichts weiteres als deren Transmissionsriemen. Ich bin der Meinung, daß es etwas wie eine sich selbst reproduzierende Kommunikation nicht geben kann, es sei denn, sie reproduziert sich in der Ausübung von Herrschaft oder im Prozeß ihrer Produktion - in der Auseinandersetzung um den, der Macht hat.

  1. [1] Nachtrag: Genau das habe ich getan - Stichwort: „strukturelle Kopplung” zwischen Systemen, zwischen den Systemen „Bewußtsein” und „Gesellschaft” mittels Sprache. - Ich habe zwar immer noch Vorbehalte, muß den Ansatz in diesem Eintrag aber komplett umformulieren.
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