4.5.2009

Theorie und Abstraktion (3)

(Themenanfang)

Bevor ich mit dem Thema fortfahre, muß ich wohl klären, was ich unter „Theorie” verstehe. Das dürfte sich im Kontext dieses Blogs ohne weiteres erschließen - trotzdem fasse ich das besser noch einmal zusammen. Wenn selbst bei den ScienceBlogs plötzlich Beiträge erscheinen, die dem Versuch von Religion und Esoterik, einen klaren Begriff von wissenschaftlicher Theorie zu relativieren, nicht direkt das Wort sprechen, aber doch Tür und Tor öffnen, läßt sich das schwer vermeiden.

Wissenschaftliche Theorie führt nicht zu Naturgesetzen. Es verhält sich genau andersherum: Theorie steht über solchen Gesetzen, weil sie versucht, diese zu erklären. Theorie formuliert allgemeine Annahmen, die auf Fakten basieren. Sie ist jederzeit falsifizierbar, und läßt sich niemals verifizieren. Dennoch hat sie den Anspruch, wahr zu sein. Diesen Anspruch löst sie auch ein: sie ist die einzige Methode, mit der man die (beobachtete) Welt verstehen kann.

Das Gesetz der „Schwerkraft” z.B. findet sich auf der einen Seite, jener des Faktischen. Newton und Einstein finden sich auf der anderen Seite - von ihnen stammen zwei Theorien, die versuchen, die Fakten in einen Zusammenhang zu stellen und zu erklären.[1]

Das Erlebnis der Differenz zwischen Subjekt und Außenwelt, das jedes Individuum in der Moderne erfährt, ist ein Faktum. Ob diese Erfahrung spezifisch für die menschliche Gattung ist, oder durch Gesellschaft überhaupt erst produziert wird, ist Gegenstand soziologischer Theorie.

Die wissenschaftliche Methode wird nicht weniger wahr, wenn man regelmäßig ihre Theorien wiederlegt - im Gegenteil, sie beweist genau an dieser Stelle ihren universellen Anspruch auf Evidenz. Egon Friedell hat das – in einer Sprache, deren Begrifflichkeit dem Geist der Romantik entstammt – schlagend formuliert (Hervorhebung von mir):

Fast alle „exakten” Feststellungen, die in früheren Zeiten gemacht wurden, scheinbar so sicher auf klare Vernunft und scharfe Beobachtung gegründet, sind dahingeschwunden; und den unsrigen wird es genau so gehen. An allen unseren Ionen, Zellen, Nebelflecken, Sedimenten, Bazillen, Ätherwellen und sonstigen wissenschaftlichen Grundbegriffen wird eine kommende Welt nur noch interessieren, daß wir an sie geglaubt haben. Wahrheiten sind nichts Bleibendes; was bleibt, sind nur die Seelen, die hinter ihnen gestanden haben. Und während jede menschliche Philosophie dazu bestimmt ist, eines Tages nur noch von geschichtlichem Interesse zu sein, wird unser Interesse an der menschlichen Geschichte niemals aufhören, ein philosophisches zu sein.

(Erich Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. München 1996, S.174)

Die scheinbare Paradoxie, etwas als Wahrheit aufzufassen, das nur für einen Moment in der Geschichte für wahr gehalten wird, löst sich auf, wenn man sich klar macht, wie Erkenntnis entsteht: in einem gesellschaftlichen Zusammenhang, und zu einer bestimmten Zeit. Damit ist Erkenntnis unmöglich, die – unabhängig von Zeit und Raum – verifizierbar wäre. Nur eine Theorie, die unter der Vorgabe antritt, jederzeit wiederlegbar zu sein, trägt dem Rechnung – und nur in den Wissenschaften findet sich ein Modell, eine Theorie aufzustellen (aka „etwas zu erklären”), in dem selbst Fragen der Methodik zur Debatte stehen und dem Lauf der Zeit unterworfen sind.


  1. [1] In den Kommentaren (sic!) zum oben verlinkten ScienceBlogs-Artikel findet sich ein Zitat, das dort Karl Popper zugeschrieben wird:


    Some people think that in science, you have a theory, and once it's proven, it becomes a law. That's not how it works. In science, we collect facts, or observations, we use laws to describe them, and a theory to explain them. You don't promote a theory to a law by proving it. A theory never becomes a law.
    This bears repeating. A theory never becomes a law. In fact, if there was a hierarchy of science, theories would be higher than laws. There is nothing higher, or better, than a theory. Laws describe things, theories explain them. An example will help you to understand this. There's a law of gravity, which is the description of gravity. It basically says that if you let go of something it'll fall. It doesn't say why. Then there's the theory of gravity, which is an attempt to explain why. Actually, Newton's Theory of Gravity did a pretty good job, but Einstein's Theory of Relativity does a better job of explaining it. These explanations are called theories, and will always be theories. They can't be changed into laws, because laws are different things. Laws describe, and theories explain.

    Diese Aussage kann ich nur unterschreiben - wobei sie allerdings nur die wissenschaftliche Methode beschreibt, und nicht ihre gesellschaftliche Praxis.
(Kommentarfunktion z.Zt. deaktiviert.)
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