18.3.2009

Siebzehn

Der Bundeskanzler heißt Helmut Schmidt, und das beklemmende Klima, das durch die (immer noch aktive) RAF im deutschen Herbst entstand, ist noch deutlich spürbar. Noch kennt - in Deutschland zumindest, in England ist Wahlkampf - niemand Margaret Thatcher, und in den Nachrichten hört man vom Sturz des Schah und dem Versuch, im Iran einen Gottesstaat zu errichten. Die Mittelmeerländer sind noch kein Bestandteil der Europäischen Unsion, die noch EWG heißt, und (der achtfache MotoGP-Weltmeister) Valentino Rossi ist gerade einen Monat alt. Wir schreiben den 18.3.1979 (das ist heute vor dreißig Jahren), und ich bin Siebzehn - im gleichen Alter wie Tim K., der Mörder von Winnenden. Das Städtchen, in dem ich damals in die Schule ging, heißt Hameln - eine Kleinstadt in Niedersachsen, von wohl ähnlicher Größe und ebenso beschaulich wie der Ort des Amoklaufs. Dabei wohnten meine Eltern, meine Schwester und ich in einem kleinen Dorf in wenigen Kilometern Entfernung - aber das spielt wahrscheinlich keine Rolle, waren wir doch keine Einheimischen, sondern erst vor einigen Jahren zugezogen.

Die „große Politik” - über die man sich im Radio im Deutschlandfunk und, ganz zentral, am frühen Abend in der Tagesschau informierte - spielte für mich kaum eine Rolle. Ich war zu jener Zeit kaum politisiert, war sogar noch explizit pro Atomkraft (Harrisburg folgte erst wenige Monaten später, und Tschernobyl lag sogar noch mehr als sieben Jahre in der Zukunft). Zwar gab es in der frisch renovierten „Sekundarstufe 2” die ersten Lehrer, die an den 68er-bewegten Unis studiert hatten - aber selbst wenn die Sozialkunde unterrichteten, ging es weniger um Marx, sondern eher um Helmut Schelskis Begriff der nivellierten Mittelstandsgesellschaft (gegen den man damals ebenso wenig glaubhaft argumentieren konnte, wie man ihn heute nur noch als Unfug betrachtet).

Im Fernsehen gab es drei Programme - die keineswegs besser waren als heute, man redet sich da vieles schön -, und man hat es (neben den Abendnachrichten) am Sonntagnachmittag eingeschaltet, um im Kreis der Familie „Raumschiff Enterprise” zu sehen. Im Jahr zuvor hatte ich gemeinsam mit meiner Mutter (die allein schon deswegen mitkommen mußte, weil ich auf ihr Auto angewiesen war, wo der Nahverkehr zwischen dem Dorf und dem Städtchen vielleicht dreimal täglich verkehrte) „Star Wars” gesehen. Ihren empörten Protesten gegen die vermeidlich kriegsverherrlichende Darstellung (ich erinnere mich wirklich gut daran, wie abgestoßen sie von dem Film war) konnte ich nur halbherzig widersprechen - irgendwie hatte ich das Gefühl, daß sie mit ihrer Meinung gar nicht so falsch liegt. In der Vorhalle des Kinos standen die ersten Arcade-Konsolen - Ataris „Space Invadors” waren gerade auf dem Vormarsch, was an mir aber komplett vorbei ging. Ich stand in Freistunden von der Schule gelegentlich in einer Spielhalle hinter einem Flipperautomaten - wobei so etwas wie Schwänzen nicht ging (da wären die Lehrer sofort drauf angesprungen), und am Nachmittag war die Stadt schlicht nicht mehr zugänglich, so daß es nicht den Hauch einer Chance gab, süchtig nach dem Spiel zu werden (leider - aus meiner Perspektive damals).

Ich will diese Zeit nicht schön reden - im Gegenteil. Auch im Nachhinein ist mein erstes Schnuppern am Erwachsenensein - meine ersten klar definierten Erinnerungen - alles andere als ein großer Spaß, als den man das manchmal nachträglich gern verklärt. Ich bin heilfroh, daß das vorüber ist, und nie wiederkehrt. Es wurde noch einmal richtig schlimm (in meinen fünfzehn Monaten bei der Bundeswehr), danach aber immer besser, und ich habe erst in meiner Studentenzeit begriffen, welch unglaubliches Glück es bedeuten kann, einfach nur am Leben zu sein. Die nachpubertäre Phase war auch Ende der 70er keinesfalls lustig - da gab es einen ständigen Konkurrenzkampf in der Schule um das Wohlwollen der Lehrer, die Definition der eigenen Rolle im Klassenverband und die Aufmerksamkeit der Mädchen. Es gab Auseinandersetzungen mit den Eltern (gerade mit dem sich mehr über den Beruf denn seine Familie definierenden Vater), und eine verheerende Unsicherheit über die eigene Sexualität. Dennoch bin ich froh, daß ich diese Phase meines Lebens vor dreißig Jahren durchlebt habe, und es nicht - neben den eigenen Schwierigkeiten - auch noch mit der heutigen, unglaublich komplexen und selbst für einen Erwachsenen letztlich unbegreiflichen Welt zu tun hatte.

Die Herausforderungen der heutigen Zeit für jeden Heranwachsenden wären aber noch ein ganz anderes Thema. Ich will hier nur andeuten, wie völlig aberwitzig unmöglich es für die heutige Elterngeneration ist, ihre eigenen Kinder zu verstehen. Gut - ich habe keine Kinder, insofern kann ich da eigentlich gar nicht mitreden. Ich bin heute aber fast (-2 Jahre) im Alter meines eigenen Vaters, als ich in der Pubertät steckte - insofern kann ich den Abstand, der zwischen nur einer Generation steht, schon ganz gut ermessen. Und, vor allem: ich sehe den Abgrund, der zwischen der Welt liegt, in der wir heute leben, und wie sie gerade dreißig Jahre in der Vergangenheit liegt.

[Obenstehender Text ist eine Art Antwort auf den sehr lesenswerten Text von Björn Grau zum Thema.]

(Hier folgt ein zweiter Teil.)

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