25.1.2009

Musik & Form (4) - Spannungsbögen

(Themenanfang)

Unter diesen drei Begriffen – Wiederholung, Kontrast, Variation - kann man die Werkzeuge formaler Organisation einordnen; sie bezeichnen jedoch nicht das Ziel. Dieses lautet: formale Geschlossenheit – eine Ordnung soll her, die eine erkennbare Struktur aus Anfang, Mitte, und Ende hat. Dies wird freilich erst dann zu einem Problem (und nicht mehr automatisch jeder Musik mitgegeben, die mit Wiederholungen arbeitet), wenn man über die einfachen Formen des Liedes oder der Tanzmusik hinaus geht. Erst bei komplexeren Folgen von unterschiedlichen musikalischen Ideen ist es keineswegs mehr selbstverständlich, daß der Hörer eine Einheit erfährt, selbst wenn Wiederholungen erkenn- und erinnerbar sind – die Stücke drohen, in ihre Einzelteile zu zerfallen, in denen sich der Hörer orientierungslos verliert.

Eine Möglichkeit, ein Stück so zu gestalten, daß seine Abfolge fast zwangsläufig erscheint, ist die Konstruktion von Spannungsbögen. Es geht nicht einfach irgendwie weiter, sondern die zweite Phrase baut auf der ersten auf oder „folgt aus ihr“ - von der dritten erwartet man, daß sie sich in diese Sequenz einfügt - sie muß so und nicht anders kommen, und jede Alternative wäre „falsch“ oder „unlogisch“.

Ein sehr einfaches Beispiel ist Ravels Bolero: ein ständig wiederholtes Thema wird leicht variiert, indem immer mehr Instrumente aus dem Orchester hinzutreten. Man hat rasch das Gefühl, daß konsequent auf ein Ende zugesteuert wird, bei dem das volle Orchester spielt. - Hier wird mit minimalem Einsatz formaler Mittel ein relativ weiter Bogen gespannt.

Eine ähnliche Form findet sich im Variationssatz. Er besteht aus einem Hauptthema (das wiederum aus Haupt- und Nebenmotiv zusammengesetzt sein kann), das in einer Folge von gleichlangen Wiederholungen immer wieder variiert wird, und zwar so, daß es sich immer weiter vom Original entfernt, ihm immer unähnlicher wird. Wenn zum Schluß das Hauptthema in seiner Ausgangsform wiederholt wird, wird das Ende des Stückes als völlig plausibel erlebt.

Eine andere Möglichkeit wird in der Form desSonatenhauptsatz vorgeführt: hier wird die Exposition mit einem Schluß auf der Dominante der Haupttonart beendet, was ein entsprechend geschultes Gehör als Spannung empfindet, die aufgelöst werden muß. Dadurch ist die Fortführung „erzwungen“ - wenn in der Reprise schließlich die Tonika erreicht wird, ist auch das Ende konsequent und „notwendig“.

Variationssatz und Sonatenhauptsatz sind die grundlegenden Formen in der Tradition der Wiener Klassik, und spielen eine zentrale Rolle von Haydn über Brahms bis in die Zwölftonmusik Arnold Schönbergs. Es gibt daneben eine zweite, nicht weniger wichtige Linie, die von Hector Berlioz über Wagner wiederum zu Schönberg führt, und von zwei komplementären Ideen getragen wird. Auch hierbei geht es um den Aufbau von Spannungsbögen – diese liegen aber außerhalb der genuin musikalischen Welt.

Dies ist einmal die symphonischen Dichtung, deren Konzept im Allgemeinen den „Neudeutschen“ um Wagner und insbesondere Franz Liszt zugeschrieben wird, das man in seiner voll ausgeprägten Form jedoch schon bei Hector Berlioz findet. Dabei geht es um die Idee, den formalen Verlauf so zu organisieren, wie dies auch in einem Drama, einem Theaterstück, geschieht: es gibt handelnde Personen, die in Konflikt zueinander geraten, wodurch eine Handlung vorangetrieben wird, die auf ein zwangsläufiges – dramatisches – Ende zusteuert.

Zum zweiten spielt das Leitmotiv eine wichtige Rolle: die Personen auf der Bühne werden ersetzt durch charakteristische Themen oder Motive, die immer dann in der Musik erscheinen, wenn die Personen etwas zu tun oder zu sagen haben; durch die Variation dieser Motive kann man andeuten, was die Art dieser Handlung ist – bspw. kann ein ursprünglich in Dur eingeführtes Thema in Moll erscheinen, um das Gefühl der Trauer o.ä der mit ihm assoziierten Person zu verknüpfen.

(Die Rolle der Leitmotivs bei Wagner geht über die formbildende Funktion weit hinaus. Das Orchester hat hier – da die handelnden Figuren ja auf der Bühne stehen – die Möglichkeit, durch das Zitat von Leitmotiven die Handlung zu kommentieren und ihr sogar eine tiefenpsychologische Deutung zu geben.)

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