15.7.2008

Kunst und Leben (2)

Wenn ich Beethoven höre, wird es ohne Verständnis für den historischen Zusammenhang, dem seine Musik entstammt, letztlich unmöglich, einen Sinn in ihr zu finden. Das tonale System jener Zeit mit seinen überaus verbindlich geltenden Restriktionen muß einem Hörer zumindest bekannt sein, wenn er ermessen will, in welchem Maße Beethoven als Rebell wirkte, als der er gilt - will er dies gar erlebend nachvollziehen, muß er mit ihm in einem hohen Maß vertraut sein.

Wenn ich mich nicht in eine Zeit hinein versetzte, in der der verminderte Septakkord als kühnstmögliche Dissonanz galt, kann ich nicht nachvollziehen, mit welcher Macht hier an den Gittern gerüttelt und zuvor Unerhörtes erprobt wird. Mir würden - nur um ein beliebiges Beispiel herauszugreifen - die Streichqartette op.59 wie süßliche Kaufhausmusik vorkommen, wobei ich befremdet wäre, warum sie derart lang sind und über weite Strecken ohne jede Melodie daherkommen.

Diese Musik ist meinem Leben vollständig entrissen, und sie kann nur vor der Kulisse ihres eigenen Lebens nachvollzogen werden kann. Problematisch bleibt immer zweierlei: ich nehme sie dennoch nur mit meinen eigenen Ohren war, und nicht mit jenen eines Zeitgenossen; und mein Wissen um den historischen Ort ihres Entstehens wird immer fragmentarisch und blutleer bleiben - eine Kulisse halt.

Man kann die Problematik wegdrücken, indem man sie ignoriert. W. Somerset Maugham tut genau das, wenn er sagt:

Es gibt nur Kunst. Kunst ist Leben. Einem Kunstobjekt durch Verweis auf seine historischen, kulturellen oder archäologischen Bezüge Leben zu geben ist sinnlos. [...] Es kommt [...] darauf an, ob sie uns hier und jetzt ästhetisch packt [...].

Damit wird Kunst zu einem subjektiven Phänomen reduziert; es zählt nicht mehr, was sie ist, sondern wie man sie wahrnimmt. Der Rezipient wird zum alleinigen Maßstab, die Sache selber ist nur, weil sie gesehen - erlebt - wird (solch radikale Subjektivität ist z.Zt. durchaus in Mode).

Man kann diese Sicht der Dinge jedoch ebenso leicht widerlegen wie ihr Gegenteil: der radikale Idealismus ist genauso tot wie der unreflektierte Materialismus, und zwar spätestens seit Kant (beides sind Denkweisen, die sich interessanterweise erst richtig durchgesetzt haben, nachdem Kant über sie hinweg gegangen war).

Von Schopenhauer gibt es eine wunderschöne - und für mich völlig plausible - poetische Version der Begründung, warum das Individuum nicht die Welt selber sein kann:

Was das an den individuellen Leib gebundene individuelle Bewußtseyn betrifft, so wird es täglich durch den Schlaf gänzlich unterbrochen. Der tiefe Schlaf ist vom Tode, in welchen er oft, z.B. beim Erfrieren, ganz stetig übergeht, für die Gegenwart seiner Dauer, gar nicht verschieden, sondern nur für die Zukunft, nämlich in Hinsicht auf das Erwachen. Der Tod ist ein Schlaf, in welchem die Individualität vergessen wird: alles Andere erwacht wieder, oder vielmehr ist wach geblieben.

(Welt als Wille, München 1998, S.365 - Schopenhauer fügt hierzu noch eine bemerkenswerte Fußnote an.

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