29.4.2008

Menschennatur (2)

(Themenanfang)

Wenn man den Menschen von biologischer Warte betrachtet, ist er ein Teil der Natur. Anders als jedes Tier ist er jedoch in der Lage, seine Umwelt bewußt zu formen und seinen Bedürfnissen anzupassen: er legt Felder an, rodet Wälder für den Bau seiner Dörfer und Städte, greift nach und nach immer tiefer in naturgegebene Verhältnisse ein, bis er selbst deren Urgrund, die Ebene der Atome, in seine Dienste nimmt.

Die Herrschaft über die Natur fordert einen Preis: sie gelingt nur, wenn die Menschen sich gesellschaftlich organisieren. Ein Einsiedler kann sich darin versuchen, im Einklang mit der Natur zu leben; sich über sie hinwegzusetzen wäre sein Tod. Eine Gesellschaft, die für die Zukunft plant und baut, kann - in einem gewissen Rahmen - gegen naturgegeben Umstände angehen. Die Kernbegriffe (ich sage das jetzt versuchsweise) könnten lauten: Arbeitsteilung (Spezialisierung), und Weitergabe von Erfahrungswissen über die Generationen.

Entscheidend ist, daß die gesellschaftliche Form der Herrschaft über Natur selbst in einem Herrschaftszusammenhang mündet: der Herrschaft von Menschen über Menschen. Eine Gesellschaft ohne Rangordnung hat es nie gegeben. Dabei ist es völlig unerheblich, nach welchen Werten die Ränge zugewiesen werden - diese sind tatsächlich von einer endlosen Varietät. Immer aber gab und gibt es eine Mehrheit, die Überschüsse produziert, und eine - wie auch immer legitimierte - Minderheit, die diese überproportional genießt.

Die Formen und Regeln von Gesellschaft treten ihren Mitgliedern als zweite Natur entgegen. Wie der Einsiedler im Einklang mit Natur leben muß, um zu überleben, muß der Dorf- oder Stadtbewohner jene Regeln verinnerlichen, deren Befolgung das Publikum seiner öffentlichen oder privaten Auftritte von ihm erwartet. Der vergesellschaftete Mensch muß mit denselben Konsequenzen den Regeln von Anstand und Moral, Gesetz und Ordnung gehorchen, wie der Wilde jenen von Sonne und Sturm, Kälte und Regen.

Im ersten Absatz sagte ich, der Mensch sei in der Lage, seine Umgebung "bewußt" zu gestalten. Das ist nur die halbe Miete, denn die Formulierung verschweigt, worin dieses Bewußtsein besteht: es ist ein von den gesellschaftlichen Verhältnisse geformtes, von diesen überhaupt erst ermöglichtes, notwendiges Bewußtsein (von einer grundsätzliche Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen kommt man leicht zu jener, die den systematisch verzerrten Blick auf jene übt: den Marx'sche Ideologiebegriff definiert "notwendig falsches Bewußtsein").

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