7.2.2008

Winterreise (1)

Thomas Hampson, Bariton
Wolfgang Sawallisch, Klavier

Nach fast zwei Wochen hatte ich heute Abend wieder die innere Ruhe, Musik zu hören.

Die CD steht schon länger in meinem Regal - ich hatte beim ersten Hören rasch abgebrochen, weil ich mit Hampsons englisch gefärbtem Deutsch nicht klar kam. Beim Wiederhören fand ich das weniger schlimm - er bekommt kein einem Vokal folgendes "r" richtig hin, ein "Ort" wird zum "Oht", aus "Arm" wird "Ahm" usf. Das war es aber schon, von englisch sprechenden Sängern ist man weitaus schlimmeres gewohnt.

In jeder anderen Beziehung ist diese Aufnahme aber eine echte Empfehlung, ich behaupte einfach mal frech: sie setzt einen neuen Maßstab - dies, obwohl die "Winterreise" zu den meist aufgenommenen Werken der abendländischen Musik überhaupt zählen dürfte. Gründe:

  • Wenn ich das richtig höre (ich muß das an den Noten noch prüfen), werden die Originaltonarten beibehalten. Das hört sich nichtig an, ist aber im Gegenteil ein wichtiges Argument gegen Fischer-Dieskau (der da schummelt und die Lieder in für ihn vorteilhaft singbare Tonarten transponiert): es gibt spätestens seit Bach eine Dramaturgie der Tonartbeziehungen in einem Zyklus, die ebenso wichtig ist wie der tonale Verlauf im individuellen Satz (/ Stück / Lied).
  • Rhythmisch sind Hampson und Sawallisch äußerst präzise, ohne zu erstarren: bei Schubert gibt es öfters achteltriolische Figuren gegen eine Begleitung aus punktierter Achtel + Sechzechtel.
    Das letzte Triolenachtel wird dann von dem Sechszehntelachtel - ganz knapp, das ist nur eine Nuance - gleichsam verfolgt. Wie gesagt: ganz knapp ist das - und hier geht es auf, und zwar ohne das Gefühl auszulösen, es ginge um den Effekt, es sei pure Zahlenhuberei oder Schlimmeres, unter Verzicht womöglich auf sinnvolle agogische Gestalltung. Wenn man den Vergleich hört, ist das weit weniger abstrakt als meine Beschreibung: es ist von unmittelbarer Evidenz. Man man wundert sich bloß noch, warum das nicht alle so machen.
  • Alle Lieder haben eher zügige Tempi, ohne hastig zu klingen. Hampson wie Sawallisch sind - wie viele Jazzer - in der Lage, das Tempo zu halten, aber "hinter dem Beat" - laid back - zu spielen. Bei "Klassikern" kommt sowas eher selten vor, umso verblüffender klingt das, wenn alle Beteiligten das können.
  • Hampson singt von sehr leise bis äußerst laut, jedoch: er schreit nicht. Man vergleiche Fischer-Dieskau (der ja als Referenz schlechthin gilt) - ich schenke mir da jeden weiteren Kommentar.

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