Schlagwort: Konstruktivismus
Die Konstruktion der Wirklichkeit
Man stelle sich vor, man sei an der Stelle eines Piloten, der bei schlechtem Wetter für sein Flugzeug eine Route zum nächsten Landeplatz sucht. Wenn er durch das Frontfenster sieht, ist außer Dunkelheit und Nebel nichts zu erkennen, so daß er sich komplett auf die Instrumente verlassen muß – Höhenmesser, künstlicher Horizont, und Kompaß. Bei der Maschine handelt es sich um ein großes Verkehrsflugzeug, bei dem man den Kurvenflug nicht spüren kann, weil man nur unwahrnehmbar von der Fliehkraft in den Sitz gedrückt wird. In dieser Situation gibt es keinerlei Hinweis, ob man sich in einem Flugzeug befindet, das einen echten Himmel durchstreift, oder nur im Simulator.
Radikaler Konstruktivismus
Offensichtlich ist es so, daß dasselbe Stück Musik von unterschiedlichen Hörern jeweils anders wahrgenommen und gewertet wird. Dabei sollte man meinen, daß sich ein gegebenes Werk überindividuell deuteten läßt, sobald man es objektiv analysiert. Um diesen Widerspruch zu erklären, habe ich kürzlich eine Dialektik zwischen strukturellen und klanglichen Aspekten behauptet. Ausgangspunkt der Wahrnehmung von Musik ist, diesem Konzept zufolge, der Klang, hinter dem sich die Struktur – Form, Harmonik, Rhythmik – versteckt, die nur mit trainierten Ohren zugänglich sei. Dabei habe ich ein Modell der Wirklichkeit verwendet, welches – gut hegelianisch – auf einer Dialektik zwischen Subjekt und Objekt basiert. Die Ergebnisse, die sich aus diesem Ansatz ergeben, finde ich bisher jedoch wenig befriedigend.
Handwerker und Genies (20)
Über den Rang von musikalischen Werken läßt sich nichts sagen, was objektive Gültigkeit hat. Daraus folgt aber nicht, daß es einzig beim individuellen Geschmacksurteil bleibt, und darüber hinaus nichts zu sagen wäre. Musik hat ja eine objektive Ebene, die man analysieren und aufschlüsseln kann, selbst wenn aus dieser Analyse kein ästhetisches Urteil folgen kann – zumindest nicht, ohne einen gewissen Umweg zu nehmen.
Notiz - Skinner-Box
B.F.Skinner
Notiz - Aktive und passive Negation
Ich bewege mich in der Stadt entweder per pedes, oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Mein Auto fährt mich nur zur Arbeit. U-Bahn vermeide ich möglichst. Wenn es geht, fahre ich überirdisch. Am liebsten sitze ich in der letzten Reihe im dreiachsigen Bus. Dort habe ich den besten Überblick über das Publikum, kann mich aber bei einer uninteressanten Besetzung auch jederzeit dafür entscheiden, nach draußen zu schauen. Ganz gelegentlich genieße ich es sogar, U-Bahn zu fahren - z.B., wenn ich ein Buch lesen will, und nach zwei Glühwein mit Rum auf dem Weihnachtsmarkt ohnehin nicht mehr in der Lage bin, auf das achten, worauf es ja eigentlich ankommt (das Aussehen der zugestiegenen jungen Frauen).
Die Konstruktion der Wirklichkeit (3)
Wenn man davon ausgeht, daß Menschen nicht einfach eine objektiv gegebene Wirklichkeit wahrnehmen, sondern sie erst konstruieren, kann man erklären, warum im Lauf der Jahrtausende derart unterschiedliche Entwürfe der Welt entstehen konnten. Es ist ja nicht so, daß die Menschen im Mittelalter im großen und ganzen so gedacht haben, wie wir dies heute tun, nur, daß sie halt ein paar unsinnige Konzepte wie die einer ca. sechstausend Jahre alten und von Gott in sieben Tagen geschaffenen Welt hatten. Das ist ein Bild, wie es vielleicht in den zur Zeit so modischen historischen Romanen gepflegt wird, das aber absolut nichts mit den tatsächlichen Verhältnissen zu tun hat. Mit einem mittelalterlichen Menschen verbindet uns fast nichts mehr, und in dessen Vorstellungswelt kann man sich heute höchstens behelfsmäßig versetzen. Dasselbe gilt auch für alle anderen Zeiten. Selbst der Lebens- und Vorstellungswelt der Generation unserer Großeltern kann man letztlich nicht mehr nahe kommen, von jener aus ganz entfernten Epochen ganz zu schweigen.[1]
Die Konstruktion der Wirklichkeit (4)
Wenn man das Verhalten von Tauben in der Skinner-Box betrachtet, bekommt man eine ganz gute Vorstellung davon, wie die Suche nach Kausalität geradezu zwanghaft dazu führt, bei zwei gleichzeitig stattfindenden Ereignissen das eine für die Ursache des anderen zu halten. Dabei läßt sich idR allenfalls darüber diskutieren, ob das erste die Ursache und das zweite die Wirkung sei, oder ob es sich umgekehrt verhält. Die Idee hingegen, daß das eine mit dem anderen gar nichts zu tun hat und man es womöglich nur mit einer zufälligen Koinzidenz zu tun hat, liegt denkbar fern, mehr noch: ist unvorstellbar.