Unterscheiden und Benennen
Wahrnehmung bedeutet: zu unterscheiden.
Wo man immer dasselbe sieht, sieht man gar nichts; erst dort, wo man zwei Dinge voneinander unterscheidet, nimmt man wahr - egal, ob dies ein Geräusch, ein Geruch, oder ein Bild ist. (Bateson weist darauf hin, daß selbst dann, wenn man einen bestimmten Punkt scheinbar bewegungslos anstarrt, das Auge in permanenter mikroskopischer Bewegung ist – Mikrosakkade heißt das Fachwort)
Das Ziel jeder Wahrnehmung scheint jedoch, etwas zu identifizieren, d.h., als einmalig zu setzen - was nur in einem Akt der Unterscheidung möglich ist (wo man mindestens zwei - unterschiedliche - Dinge braucht).
Mit anderen Worten: der Mechanismus der Wahrnehmung widerspricht – auf einer fundamentalen Ebene – ihrem eigenen Ziel. Wo wir etwas sehen, unterscheiden wir ein Ding von seiner Umwelt; wo wir etwas benennen (was ja das Resultat jeder Wahrnehmung ist), heben wir eben diese Unterscheidung wieder auf, und erklären den beobachteten Gegenstand als in sich selbst identisch. Ein Tisch ist ein Tisch – als wenn er nicht in einem bestimmten Raum stünde und sich in seiner Differenz zum »Raum« erst definierte.
Ich sehe einen Vogel vor einer Naturkulisse – eine Möwe etwa, die über dem Bodensee segelt, mit den von einer späten Sonne überstrahlen Alpen im Hintergrund. Meine Wahrnehmung unterscheidet hier zwischen einem kleinen und zerbrechlichen Lebewesen, und setzt es ab von einem unendlich komplexen Hintergrund aus Felsen, Wasser, und millionenalter Geschichte.
Jede Wahrnehmung – Beobachtung – sortiert (unterscheidet), weil jeder Beobachter ein Interesse am von ihm Beobachteten hat. Die Möwe ist vielleicht deshalb so interessant (und damit überhaupt erst sichtbar vor der beeindruckenden, erschlagenden Kulisse), weil sie etwas kann, was ich nicht vermag: fliegen. Die Unterscheidung in der Wahrnehmung liegt nicht im Gegenstand, sondern im Interesse des Beobachters.
Du schreibst
"wo wir etwas benennen (was ja das Resultat jeder Wahrnehmung ist)"
Demzufolge können Tiere nicht wahrnehmen!?
Hi Georg
Tiere (das ist eine etwas spezielle Klasse) können ja vielleicht auch benennen. Ich weisse es allerdings nicht, weil ich es NOCH NICHT wahrgenommen habe - was aber eher mein Problem oder meine Wahrnehmung ist)
Natürlich nehmen Tiere wahr, und ich weiß nicht, ob sie etwas benennen können, habe da jedoch meine Zweifel. Man kann Dinge wahrnehmen, ohne sie zu benennen - dies gilt nicht nur (mutmaßlich) für Tiere, sondern auch für Menschen. Wenn ich durch einen Garten gehe, kann ich die Pflanzen sehen (und sogar voneinander unterscheiden), ohne ihnen sogleich Namen zu geben.
Mein Punkt ist ein anderer: "Wahrnehmung" und "Bezeichnung der Wahrnehmung" sind zwei grundlegend unterschiedliche Dinge. Für einen Phänomenologen ist dies eine Binsenwahrheit. Es überrascht mich aber, daß man selbst auf der Ebene der Logik Argumente findet, die diese Ansicht unterstützen.
OK - ich habe geschrieben: "Das Ziel jeder Wahrnehmung ist jedoch, etwas zu identifizieren" (=> zu benennen). Das ist eine unsinnige Formulierung, weil Wahrnehmung kein Ziel hat - es gibt hier keine Ursache-Wirkung-Beziehung und erst recht keine Teleologie. Insofern liegt es nahe, daß man nachhakt
Ich habe im Satz: "Das Ziel jeder Wahrnehmung ist jedoch, etwas zu identifizieren" - das "ist" durch ein "scheint" ersetzt - ich hoffe, das macht es etwas klarer.