Die Konstruktion der Wirklichkeit (5) – Beispiel: Fisheye-Projektionen
Die These, daß wir keine objektiv gegebene Welt durch unsere Sinne wahrnehmen, sondern sie im Gehirn erst erzeugen, kann man mit zahlreichen Experimenten und Beobachtungen gut begründen. In der Literatur zum Konstruktivismus wird immer wieder auf den blinden Fleck auf der Netzhaut hingewiesen – jene Stelle, durch die der Sehnerv aus dem Auge tritt, und an der keine Wahrnehmung möglich ist. Hier ist nicht der blinde Fleck selber interessant, sondern die Tatsache, daß man ihn überhaupt nicht wahrnimmt. Objektiv ist dort tatsächliche eine Lücke in der optischen Information, was jedoch keine Rolle spielt, weil das Gehirn mühelos dazu in der Lage ist, eine kontinuierliche Wahrnehmung zu erzeugen.
Ein anderes Beispiel, über das ich gestern gestolpert bin, findet sich im Zusammenhang mit Fotografien, die mit extremen Weitwinkelobjektiven aufgenommen wurden. Bild 1 ist ein Blick durch ein sog. Fisheye, das über einen Blickwinkel von 180 Grad verfügt. Charakteristisch ist die überdimensionierte Darstellung des Vordergrunds – ich habe den Fenstergriff bei der Aufnahme mit der Linse fast berührt. Hinzu kommt die kugelförmige Verzerrung. Gerade Linien werden zum Rand hin immer stärker kreisförmig verformt – ein Umstand, der stark befremdet. Die meisten Weitwinkelobjektive entzerren die Perspektive deshalb durch eine spezielle Konstruktion der Optik. Man kann das aber auch nachträglich mittels Software erreichen – Bild 2 ist die „entzerrte” Version desselben Fotos. Die Linien sind jetzt gerade, und diese Perspektive scheint der Realität weit besser zu entsprechen.
Bild 3 + 4 sind wiederum ein Pärchen aus Fisheye-Perspektive und deren entzerrter Version. Links im Bild sieht man, wie die Häuserfront durch die Entzerrung „richtig” wird. Rechts hingegen, im Gesicht der Schaufensterpuppe, funktioniert dieselbe Operation überhaupt nicht – die Fisheye-Perspektive des Gesichts wirkt weitaus natürlicher als das entzerrte Gegenstück.
Woran liegt das? Ich habe das Thema oberflächlich gegoogelt, aber keine weiteren Hinweise im Netz gefunden, und ich müßte mich mit der Funktionsweise des menschlichen Auge genauer beschäftigen, um hier eine Theorie zu versuchen. Meine Vermutung ist jedoch, daß das Auge – wie jede „einfache” Optik – keine Korrektur macht, wenn es die dreidimensionale Welt in ein zweidimensionales Bild „zusammenfaltet”. Linien sind in solch einer Projektion niemals gerade, sondern – je nach Brennweite der Optik – mehr oder weniger gebogen. Da das Gehirn jedoch weiß, daß bestimmte Gegenstände gerade Linien haben, rechnet es die optischen Informationen so um, daß sie mit diesem Wissen übereinstimmen. Ein Betrachter erwartet dann von einem Foto, daß als gerade „gewußte” Linien dort ebenfalls gerade sind, genau so, wie er es aus der Manipulation des unmittelbaren Anscheins der Augen durch das Gehirn gewohnt ist. Bei Gesichtern hingegen ist diese Manipulation nicht nötig, um ein korrektes – oder besser, mit einem Begriff v.Glasersfelds, valides – Abbild der Realität zu bekommen. Mehr noch: zur (für das Überleben der - beobachtenden, handelnden - Gattung notwendigen) Unterscheidung von Gesichtern dürfte es hilfreich sein, wenn das Gehirn die „unmittelbare” Wahrnehmung mit verhältnismäßig sparsamer „Nachbearbeitung” versieht.
Das ist, wie gesagt, reine Spekulation. Ich werde mal schauen, ob ich zu dem Thema weitere Informationen finde – spannend ist es in jedem Fall, und zwar nicht nur für Fotografen.
Sehr sehr schöne Darlegung!
Das hier
Die Frage nach dem schnellsten Motorrad sollte man in seiner Komplexität nicht unterschätzen. Es geht hier keinesfalls nur um die Leistung des Motors, sondern generell um Eigenschaften im Fahrverhalten. Wie liegt die Maschine auf der Straße, wie reagiert sie auf Bodenwellen, wie präzise lassen sich die Bremsen dosieren?
zeigt doch, dass es das "schnellste Motorrad" so gesehen gar nicht geben kann, sondern allenfalls in Bezug nicht nur auf das Können des Fahrers, sondern auch auf die Beschaffenheit der Strecke!
Dabei fielen mir einige sehr interessante und anregende Bemerkungen von H.Simon über die "scheinbare" Komplexität des Ameisenverhaltens ein. Ameisen, so fasse ich aus dem Gedächtnis zusammen, scheinen komplex sich komplex, dabei spiegeln sie lediglich die Komplexität ihrer Umweltbedingungen.
Kennst du das: "Die Wissenschaften vom Künstlichen", Herbert A. Simon.
Finde ich noch viel besser als Foerster, der oft blind über's ziel hinausschiesst und selber tautologisch oder widersprüchlich wird - dabei aber stets humorvoll und mit Wiener Charme - das muss man ihm nun wirklich lassen...!
Danke für das Lob – ich weiß das wirklich zu schätzen.
Die Frage nach dem „schnellsten Motorrad“ ist natürlich spätestens dann auf einem anderen Level, wenn man versucht, eine 600er-Supersport nicht auf der Rennstrecke, sondern durchs Gelände zu bewegen – ich kann davon durchaus ein Lied singen. Insofern ist der Hinweis auf die Ursache für die Komplexität der Verhältnisse innerhalb einer Ameisenkolonie höchst spannend – ich werde mir das erwähnte Buch mal beschaffen (mir fallen hier im Zusammenhang sofort die Auseinandersetzungen im Bereich der Softwareentwicklung ein, zwischen denen, die eine Software „einfach und elegant“ halten wollen, und jenen, die die – möglicherweise hochkomplexe – Problemdomain kennen).
Deiner Einschätzung bezüglich Heinz v. Försters stimme ich übrigens zu: seine Formulierungen lassen keine Pointe aus, selbst um den Preis, das Gegenteil des im Satz zuvor Behaupteten zu vertreten. Trotzdem macht es Spaß, das zu lesen.