Qualität und Komplexität
Ich habe in den letzten Einträgen eine Reihe von Aspekten genannt, von denen man annehmen könnte, daß sie zur Beurteilung von Musik taugen, die dies aber letztlich nicht leisten können. Dabei bin ich eine positive Darstellung schuldig geblieben: mit welchem Verfahren kann man denn erkennen, ob ein Werk etwas taugt oder nicht? Was sind hier die Kriterien für „Qualität?” Der Grund ist recht einfach: solch ein Verfahren - solche Kriterien - gibt es m.E. nicht, mehr noch: das kann es auch gar nicht geben.
Die Frage lautet ja: wie läßt sich musikalische Qualität sinnvoll messen? Ich versuche es mit einer Analogie.
Wenn ich zwei Motorräder vor mir habe, und wissen will, welches davon schneller ist, hilft mir ein Blick auf die Motorleistung nur bedingt weiter – zu einer Aussage, die mehr ist als eine bloße Vermutung, kann ich so nicht kommen. Besser geht es, wenn ich die Maschinen auf eine Rennstrecke bringe, und dort einige Runden drehe. Dabei bin ich ja allenfalls ein mittelmäßiger Fahrer und gar nicht in der Lage, den Grenzbereich auszuloten – insofern ist die von mir gemachte Erfahrung ein Anhaltspunkt, aber kein Beweis. Der Sache komme ich schon sehr viel näher, wenn ich Valentino Rossi die Runden drehen lasse, oder besser noch, eine ganze Gruppe von Fahrern aus dem MotoGP-Zirkus. Wenn die dann übereinstimmend sagen, Maschine 1 ginge am Besten, habe ich ein Ergebnis, mit dem ich vollauf zufrieden bin.
Man kann einwenden, daß dies doch immer noch bloß eine Meinung ist, auch wenn die vielleicht von einem Experten vorgetragen und sogar von einer Gruppe geteilt wird. Objektiv nachgewiesen sei damit aber noch gar nichts. Warum, so läßt sich fragen, verwendet man nicht ganz einfach eine Stoppuhr?
Die Stoppuhr hilft hier jedoch überhaupt nicht weiter. Ihr Einsatz erweckt lediglich den Anschein von Objektivität und legt einen Schleier über das eigentliche Problem. Die Frage nach dem schnellsten Motorrad sollte man in seiner Komplexität nicht unterschätzen. Es geht hier keinesfalls nur um die Leistung des Motors, sondern generell um Eigenschaften im Fahrverhalten. Wie liegt die Maschine auf der Straße, wie reagiert sie auf Bodenwellen, wie präzise lassen sich die Bremsen dosieren?, etc.pp. Man stellt hier die Frage nach „Qualität“, die sich letztlich nicht in einzelne Teilaspekte herunter brechen läßt. Sicher – man kann mangelnde Dosierbarkeit der Bremsleistung korrigieren, indem man am Bremshebel schraubt – möglicherweise hat man aber die falschen Reifen aufgezogen. Wenn man diese wechselt, stimmt plötzlich etwas in den engen Kehren nicht, oder man hat zu wenig Gripp beim Herausbeschleunigen aus der Kurve. Etc.pp. – ein Motorrad ist ein klassisches Beispiel für eine nicht-triviale Maschine, deren Komplexität eine Analyse prinzipiell unmöglich macht.
Außerdem – und das ist der springende Punkt – hat man es hier mit der Geschicklichkeit von Menschen zu tun, die einfach dadurch, daß sie handeln, eine Maschine beherrschen, deren Funktionieren der Verstand nicht begreifen[1] kann. Zur Komplexität der Maschine kommt noch die Komplexität der Operationen hinzu, mit denen man sie bedient. Niemand kann konkret und in allen Einzelheiten erklären, was ein Rennfahrer eigentlich tut – dieser kann aber recht zuverlässig darüber Auskunft geben, welches Motorrad besser „geht”. Wenn ich dieser Auskunft des Fahrer mißtraue und zur Stoppuhr greife, ist es sogar möglich, daß er bewußt sein Tempo manipuliert, um mich vorzuführen, ohne daß ich dies bemerken könnte. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als auf seine Expertise zu setzen – etwas Besseres ist schlicht nicht zu haben.
(Den Übertrag auf das Gebiet der Musik bleibe ich zunächst einmal schuldig.)
- [1] Im "Begreifen" liegt das "Greifen", das in diesem Fall der Hand bzw. dem Körper gelingt, nicht aber dem Verstand.
Die korrekte Antwort auf die Frage "Welches ist das schnellere Motorrad?" lautet eigentlich "mu" - das kommt grob aus der Richtung des Zen-Buddhismus und kann als "Ich kann deine Frage nicht beantworten, da sie auf falschen Annahmen basiert." verstanden werden.
Die Frage ist nämlich eigentlich unterspezifiziert und deswegen in dieser Form nicht eindeutig beantwortbar. Aber der Reihe nach. Welche beiden Maschinen gemeint sind ist klar, daran gibt es nichts zu interpretieren.
Aber die Probleme fangen an, wenn es um das Worte "schnell" geht. Fragen wir einen Physiker, ist "schneller" entweder "dieselbe Strecke in weniger Zeit" oder "in der selben Zeit mehr Strecke". Tja, welche Strecke? Die A5 von Freiburg nach Baden Baden? Oder den Furkapass einmal rauf und wieder runter? Vielleicht ist auch nicht "schnell" gemeint sondern die Beschleunigung: wer braucht weniger Zeit von 0 auf 100 - da ist dann direkt die Frage, unter welchen Bedingungen: auf Asphalt? Bei Regen? Mit welchen Reifen? Wie schwer ist der Fahrer?
Vollkommen unbeantwortbar wird die Frage, wenn wir uns von der physikalischen Geschwindigkeit lösen: "schnell" kann auch ein Gefühl sein. Wenn ich mit Maschine A mir wie der Dampferkapitän vorkomme, auf Maschine B aber mich wie Rossi fühle, dann ist es (fast) egal, wieviele m/s das nun waren. Völlig grotesk wird es, wenn ich vor der Vorderradbremse von Maschine A so viel schiss habe (Angst vor Blockieren und Abflug), dass ich viel zu zaghaft bremse - dann muss ich auf den Geraden so langsam werden, dass die Motorleistung und das Fahrwerk fast irrelevant sind. Ähnliches gilt für mangelndes Vertrauen in andere Aspekte des Motorrads.
Quintessenz: sind die Messgrössen genau genug spezifiziert, sind sie für das "erlebte Motorradfahren" fast irrelevant, sind sie relevant, lassen sich die Messgrössen nicht mehr auf mehr als 1-3 Fahrer anwenden. Das ist auch das Problem für den Motorradjournalisten: er muss für X tausend Leser schreiben, wie sich das Motorrad individuell anfühlt. Im Rennsport wird dieses Problem zu etwas gutem: wenn man einfach messen könnte, wäre der Rennsport ziemlich uninteressant. Denn die Rennergebnisse bestehen zu einem guten Teil daraus, wie gut Strecke, Motorrad, Fahrer und Team zusammenpassen.
Und bei Musik ist es dasselbe: ob Musik gut ist oder nicht, hängt im grossen Masse damit zusammen, wofür sie gedacht ist (und ja, L'art pour l'art hat auch einen Zweck: die Kunst).
Berechtigte Einwände.
Dahinter steckt die Vermutung, daß, wenn man ein Problem nur richtig beschreibt, man die Lösung letztlich schon gefunden hat. Aber ist das so?
Zunächst habe ich die Frage durchaus bewußt „ungenau“ gestellt – alle Fragen, die die direkte Lebenswirklichkeit betreffen, sind das. Wirklich präzisen Fragestellungen begegnet man in der Mathematik, nirgends sonst.
Zum zweiten kann ich die Frage durchaus genauer fassen – welches ist das Motorrad, mit dem ich die schnellsten Rundenzeiten in Oschersleben erreiche? – ohne daß dies zu anderen Schlußfolgerungen führt. Die heißt nämlich: ich muß die verdammte Maschine benutzen, wenn ich etwas über ihre Qualität sagen will.
Andersrum: ohne die Frage zu verstehen (eigentlich groken wie Heinlein es nennt), kann ich eine Antwort nicht wirklich anwenden. Deswegen sind die besten Antworten die, die die Frage erklären (und darin eventuell enthaltene Missverstädnisse ausräumen) und dann eine helfende Antwort geben.
Worauf ich hinauswollte mit meinem Kommentar, ist der Umstand, dass es Dinge gibt, die man wissen will, zu denen man aber keine Frage stellen kann, die ein anderer für einen beantworten kann. Denn Die Antwort (eigentlich schon die Frage) ist zu grossen Teilen von meiner Innenwelt und meiner Sicht auf die Welt abhängig.
Und selbst wenn es die Maschine A ist, die dich heute in Oschersleben am schnellsten durch eine Runde führt: variierst du einen der Parameter (oder einen derer, dich ich gar nicht aufgeschrieben habe), wird die Antwort variieren. Der Trick ist, die insignifikanten Parameter in der Fragestellung wegzulassen. Garantie, dass man eine persönlich befriedigende Antwort bekommt, ist das nicht.
Dass alle Theorie grau ist, ist klar. Jede "synthetische" Beurteilung der Welt (-> Theorie) wird der Welt hinterherhinken, eben die Sysiphos-Arbeit der Physik.
Ausserdem kommt noch dazu, dass das Wort "Qualität" überfrachtet ist. Manchmal heisst es fast dasselbe wie "Aspekt", manchmal wird es gebraucht wie "Güte" oder "Wert".
Und auch die Worte sind natürlich nicht frei von Parametern: Aspekt aus wessen Sicht? Güte nach welchen Kriterien? Wert für wen?
Ich glaube, absolute Qualitäten kann es nicht geben - wiewohl es einen gesellschaftlichen Konses geben mag, der beschreibt, was diese Gesellschaft für gut befindet. Das selbe für ein Individuum (da sind wir ganz schnell bei der Frage "Was macht mich glücklich?" und das ist ein endloser Raum).
Ergo behelfen sich die, die mit Qualität (wirtschaftlich) rechnen müssen durch simplifizierte Specs (->ISO9001 und Co) und oder Popularität (Hitparaden).
Also kann man Musik nur dann nach Qualität (Güte) sortieren, wenn man einschränkt, welchen Anwendungszweck sie haben soll. Ob sie einen Aspekt hat, kann man nur herausfinden, wenn sich selbiger greifen lässt ("schnell" geht zum beispiel viel eher als "traurig"). Nicht zuletzt kann in diesem Punkt kein Musikstück isoliert von der kulturellen Umgebung in der es geschrieben, gespielt und gehört wurde, betrachtet werden.
Irgendwie ufert das aus :)
> Der Trick ist, die insignifikanten Parameter in der Fragestellung wegzulassen.
Davon gehe ich eigentlich auch aus – zu dem Thema pflege ich einen eigenen Baukasten. Mittlerweile bin ich aber gerade wieder am Zweifeln, ob das so wirklich funktioniert. Bestimmte Begriffe – und Qualität in der Musik ist da nur ein Beispiel – lassen sich mE. nicht auf einen „Kern“ reduzieren. Wenn man anfängt, bestimmte Aspekte, und seinen es die unbedeutendsten, wegzulassen, um zu einer handhabbaren Abstraktion zu kommen, entgleist plötzlich der gesamte Begriff.
Ich lese mich gerade in den „Konstruktivismus“ ein – und dort geht man davon aus, daß es gar keine Realität gibt, von der man abstrahiert. Statt dessen konstruieren die Menschen die Realität erst in ihren Köpfen....