Musikinstrumente (4)
Der Sänger und der Toningenieur stehen auf entgegengesetzten Polen, wenn man Musiker nach dem Grad der Mechanisierung ihrer Instrumente anordnet, mit dem Pianisten in der Mitte zwischen den beiden Extremen. Interessant ist die unterschiedliche Wertung im Publikum für die unterschiedlichen Professionen: während derjenige, der mit den Mitteln eines Tonstudios arbeitet, allenfalls als fähiger Techniker durchgeht, kann ein hervorragender Pianist sich als Virtuose feiern lassen. Das Ansehen von Sängern übertrifft dies bei weitem: die Stars an der Oper sind die Diven und Heldentenöre, die man zuweilen zu Halbgöttern verklärt und denen man eine Verehrung entgegenbringt, die gänzlich irrational wirkt.
Ich vermute, daß diese Form der Wertschätzung ganz direkt mit dem Grad der Mechanisierung der Instrumente zusammenhängt. Wenn es um Technik geht, hat jeder Mensch der Moderne das Gefühl, es mit etwas grundsätzlich Berechenbaren zu tun zu haben, das man zur Not noch selber lernen und beherrschen könnte. Wir sind den Umgang mit Geräten und Apparaturen gewohnt, und bringen den wirklichen Könnern an den Knöpfen und Schaltern vielleicht Respekt entgegen, geraten über ihr Wirken aber nur selten in echtes Staunen.
Anders sieht das aus, wenn man hoch ausgebildeten manuellen Fähigkeiten gegenüber tritt, von denen man sich unmöglich vorstellen kann, daß man sie sich jemals selber antrainieren könnte. Jeder kann auf einem Klavier ein paar unbeholfene Töne spielen - umso erstaunlicher wirkt es, wenn jemand mit großer Kraft und Geläufigkeit das komplette Spektrum der Tastatur abgreifen kann, so daß es zuweilen wie ein ganzes Orchester klingt und man sich nicht erklären kann, wie so etwas mit nur zwei Händen hinzubekommen ist.
Ein ausgebildeter Sänger erreicht seine Zuhörer völlig unvermittelt, ohne zwischengeschaltete Instanzen, mit denen diese sich die erreichte Wirkung notfalls noch erklären könnten. In der Oper und im Konzertsaal gibt es keine Mikrophone oder Verstärker. Es ist selbst für einen musikalischen Laien ein beeindruckendes Erlebnis, wenn eine einzelne Stimme die gesamte Oper füllt und sich noch gegen ein Orchester durchzusetzen vermag. Trotzdem ist jeder Gesang uns äußerst vertraut - wenn keine Worte mehr helfen, läßt ein Baby sich womöglich durch ein Wiegenlied trösten. Ein ausgebildeter Sänger löst beim Hörer ein eigenartiges Wechselspiel zwischen Vertrautheit und Erschrecken aus - er tut etwas, was jeder kann, dies aber mit einer Durchschlagskraft, gegen die jedes Gebrüll auf dem Kasernenhof wie ein harmloses Flüstern wirkt. Man steht vor einem Phänomen, dessen Wirkung jeder Rationalisierung widersteht.
Das ist zunächst nur die Beschreibung von Idealtypen. Im Barock etwa gibt es den Typus des Sänger-Virtuosen, der sich nicht durch die Schönheit seiner Stimme, sondern seine „geläufige Gurgel” (Mozart) auszeichnet, mit der er vertrackte Koloraturen ausführen kann. Unter den Pianisten findet sich nicht nur die Figur Franz Liszt, der in seinen Konzerten mindestens eine Saite seines Instruments zu sprengen pflegte - ein Alfred Brendel ist u.a für seine Mozart-Interpretationen berühmt, die in technischer Hinsicht völlig unspektakulär sind. Auch unter den Tontechnikern bzw. Produzenten finden sich mittlerweile Stars, die man gelegentlich ebenso feiert wie die von ihnen produzierten Sänger - mir fällt hier Rick Rubin ein, der erst Johnny Cash, dann Neil Diamond aus der Versenkung holte, und dafür in Lobeshymnen nicht nur in der Fachpresse besungen (sic!) wurde.
Der Fluch des Toningenieurs ist derselbe, unter dem auch der Setzer/Layouter bisweilen leidet: wenn sie ihren Job richtig, richtig gut machen, bemerkt man ihre Arbeit nicht: der TI will ja reinen, unverfälschten Klang, als wäre man live zugegen. Klar, du und ich wissen, wie schwer (bzw. unmöglich das ist und wir bemerken das, aber die breite Masse eben nicht). Ähnlich beim Layouter/Setzer: ist ein Buch typographisch nahezu perfekt, wird "nur" noch der Text, das Wort wahrgenommen. Eine traurige Kunst, quasi.
Tja, und die Diva ist eben das genaue Gegenteil: sie muss eine ganze Menge mehr oder minder offensichtliches tun, um gefeiert zu werden.
Rubin ist sicher die Ausnahme, wie auch einzelne andere, zum Beispiel Steve Albini oder Alan Parsons.
> Wenn sie ihren Job richtig, richtig gut machen, bemerkt man ihre Arbeit nicht <
Guter Punkt - die Analogie zur Arbeit eines Layouter leuchtet mir ebenfalls ein.
Nur: warum wird dann ausgerechnet derjenige als Genie verehrt, der völlig im Hintergrund bleibt, dessen Arbeit ebenfalls komplett von der "Live"-Performance entkoppelt ist, z.T. Monate, sogar Jahre vor der Uraufführung beendet wurde, und in einem abstrakten, nur von wenigen entzifferbaren "Gemälde" resultiert?
Ich rede hier vom Techniker par excellence, dem Komponisten.
Das ist eine Frage, auf die ich definitiv keine Antwort habe.
Was der Komponist macht, hat gegenüber der Tätigkeit des Musikers zwei Nachteile, wenn es um die Wahrnehmung des Rezipienten geht:
- erstens findet seine Tätigkeit bis zum Schluss nur in seinem Kopf und im stillen Kämmerlein statt: es gibt praktisch kaum etwas zu sehen oder zu erleben. Und das fertige Produkt wird wieder nur via dem Musiker als Vermittler erlebbar. Ob des Lesens einer Partitur geraten eben nur wenige Leute in Verzückung.
- zweitens ist die Wahrnehmung seitens der Konsumenten, dass der Komponist ja endlos viele Versuche hat: wenn die Note nicht stimmt, kann er ja einfach so lange probieren, bis es passt (so die Wahrnehmung, die Realität sieht natürlich ganz anders aus). Wenn die erste Geige jeden dritten Ton verhaut, ist das irreparabel. Die Zeitachse spielt bei der Wahrnehmung von "Können" eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Aber die Rezipienten feiern ja gerade den Komponisten, obwohl er die von Dir genannten Nachteile aufzuweisen hat!
Es ist schon richtig: in der aktuellen sog. "Klassik" spielen sich die Interpreten ganz schön in den Vordergrund, in einem Maß sogar, daß Plakate oder CD-Covers als erstes Dirigent/Sänger/Orchester nennen, und danach erst den/die aufgeführten Werke. Trotzdem dürfte niemand bestreiten, Kaliber ist als selbst eine Maria Callas.
Ich vermute, daß man hier mit der Kategorie vom "Können" nicht wirklich weiter kommt. Schon bei der Opern-Diva hat der durchschnittliche Hörer ja keinen Maßstab mehr für das, was diese "kann". Erst recht gilt das beim Komponisten.
Ich bezog mich eher auf die Popmusik, wo entweder der Komponist auch der Interpret ist oder gar nicht genannt wird.
Ein seltsames Phänomen: in der Klassik ist der Komponist als Interpret eher selten (bei orchestraler Musik könnte er allenfalls eine erste Geige spielen, auf dem Flügel die #1 machen oder eben dirigieren). In der Popmusik ist das bewusste A spielt Stücke von B, wobei es hunderte "A"s gibt, extrem selten. Es kommt vor und ist dann ein "beliebtes Cover".
Noch dazu kommt, dass es deutlich mehr tote Klassikkomponisten gibt als lebende - Bach wird sicher keine World Tour mehr machen. Bei Popmusik ist das Verhältnis nicht so extrem - auch durch ihre einfach Struktur ist es leichter, Popstar zu werden und die eigene Musik zu spielen. Der kreative Prozess ist ja auch ein ganz anderer.
Und dann gibt es da noch Remixe... sowas kenne ich aus der Klassik eben gar nicht :)
Naja, unsere heutige "Klassik"-Szene hat wenig mit dem zu tun, was im Barock, aber auch noch in der "echten" Klassik musikalische Praxis war. Da war es durchaus üblich und sogar der Normalfall, daß die Komponisten ihre eigenen Werke aufführten. Mozart und noch Beethoven haben die Klavierkonzerte für den eigenen Gebrauch geschrieben, und auch die Sinfonien Haydns sind für die Verwendung am eigenen Hof geschrieben, nicht für irgendwelche "Cover"-Interpretationen.
Auch die heutige Auffassung, daß "Klassik" eine kompliziertere Struktur habe als "Pop" gab es zu der Zeit nicht - einfach weil sie die Trennung dieser beiden Sphären nicht kannte. Die "Zauberflöte" wurde für das Publikum der Singspiele geschrieben, und die Passionen Bachs hatten eine klare Funktion in der Praxis des Gottesdienstes, dem keinesfalls bloß der Adel besuchte.
Auch den Remix hat das Barock erfunden. Von Händel weiß man, daß er, wenn die Zeit knapp wurde, mal in seinen älteren Werken geblättert hat, um dort eine Arie fürs neue Oratorium ein zweites Mal zu verwenden - das hat selbst ein J.S.Bach nicht anders gehalten. Dabei gehören Händel und Bach noch zu denen, die wenigstens noch nur bei sich selber geklaut haben - andere haben es da wesentlich lockerer angehen lassen, und sich auch in den Werken von Kollegen bedient. Das Urheberrecht war da halt noch nicht erfunden, und es hat keinen groß gestört.