Mode / Fashion (4)
Mode zieht Grenzen. Ihre Codes umzäunen Gruppen einzelner Individuen, und heben sie ab von anderen, der "Masse". Dadurch gibt sie denen, die ihr folgen, den Anschein der Exklusivität, des Besonderseins. Andererseits kann sie nur funktionieren, wenn eine gewisse kritische Masse ihr folgt. Ein Individuum kann keine Mode definieren (höchstens dabei helfen, die nächste vorbereiten). Damit wird Konformität zu ihrem Wesensmerkmal, selbst wenn die Gruppe, die ihr anhängt, sehr klein ist.
Es besteht eine Spannung zwischen dem Gefühl, nicht zur großen Mehrheit zu gehören, mit dem Mittel, dies zu dokumentieren: mit der Etablierung von äußerlichen Standards, denen jeder folgen kann, der ihre Regeln versteht.
Mode wirkt letztlich ordnend. Das Motiv, sich einer Mode zu unterwerfen, liegt aber ursprünglich im Wunsch, sich der bestehenden Ordnung zu entziehen. Gäbe es dieses Motiv nicht, wäre Mode statisch und würde sich nicht verändern. Wäre Mode kein Ordnungsfaktor, sondern chaotisch, wäre sie nicht als Muster so klar erkennbar.
Das Tempo, in dem die Moden sich verändern, ist geradezu ein Gradmesser für das Bedürfnis, sich als Individuum zu präsentieren, in Kombination mit der Unmöglichkeit, dieses Bedürfnis auch einzulösen: man folgt einer Mode, nur um im nächsten Moment zu erleben, daß eine große Masse dasselbe tut, Personengruppen zumal, von denen man sich eben noch absetzen wollte.
Der Versuch, den Kreis, der einer Mode folgt, möglichst klein zu halten, hat wohl zwei Facetten: eine Mode kann viel Geld kosten, oder ihre Codes können sehr kompliziert und schwer verständlich werden (ich tippe das hier nur an).
Mode ist (wie so viele kulturelle Aspekte) sowohl ein Mittel der Einbeziehung als auch der der Ausgrenzung ("wir" und "die anderen"). So gemein sich das für die eine oder andere Subkultur (z.B. Punks) klingen mag: sie tragen alle zu einem gewissen Grade Uniformen.
Daneben gibt es in jeder Subkultur einen reichhaltigen Strauss an anderen Merkmalen: wie redet man? Welche Musik hört man? Was findet man gut? Wo und wie verbringt man seine Freizeit?
Ebenso gibt es zu all diesen Aspekten auch das negative: was hört man nicht, wohin geht man nicht und so fort. Getreu dem auf einer einsamen Insel gestrandeten englischen Gentleman, der nach seiner Rettung zehn Jahre später gefragt wir, warum er denn drei Häuser gebaut habe: "Das ist das Haus in dem ich wohne, das ist der Club, in den ich gehe und das ist der Club in den ich nicht gehe."
Ein wichtiger Punkt ist meiner Einschätzung nach das Verhältnis: eine Subkultur, die sich fast ausschliesslich dadurch definiert, was sie nicht ist (beziehungsweise, was sie bekämpft) ist mit extreme Vorsicht zu geniessen. Nicht, dass alle anderen Heilige wären.