Körperwissen (3)
Ein Experiment: man nehme einen scharf angespitzten Bleistift, und male damit auf einer Raufasertapete. Das fühlt sich komplett anders an, als wenn man auf einem glatten Stück Papier malt: wo, an welcher Stelle, fühlt man diesen Unterschied?
Ein zweites Experiment: man schlage eine Gitarrensaite mit einem Plektrum an. Wo, an welcher Stelle fühlt man den Kontakt mit der Saite?
Nr. 3: man fahre mit dem Motorrad in immer extremerer Schräglage, bis man spürt, daß jede weitere Steigerung dazu führt, daß das Hinterrad wegrutscht - wo vermittelt sich dieses Gefühl?
Die Antworten: man spürt den Kontakt mit dem Untergrund an der Spitze des Bleistifts, am Plektrum, am Hinterrad des Motorrads - und nicht etwa in den Nerven der Hand, oder in denen des Hintern. - Der Gedanke ist gewöhnungsbedürftig, leuchtet aber nach einigem Nachdenken ein.
Ein schlichter Zeigestock beispielsweise steckt in seiner Handhabung bereits voller Wunder. Wenn wir ihn mit geschlossenen Augen auf eine Wand zubewegen und diese dann mit der Spitze des Zeigestocks [...] betasten, dann erleben wir den Widerstand, den sie bietet, nicht in den Fingerspitzen oder in der Hand, sondern vorne an der Spitze des Zeigestocks. Genauer noch: es ist nicht nicht einmal so sehr der Widerstand, den wir erleben, sondern es ist ganz unmittelbar die Wand selber.- Bernt Spiegel, Die obere Hälfte des Motorrads (Hervorhebungen im Original)
Es geht um den Begriff des Werkzeugs. Ein Werkzeug verlängert die Wahrnehmung des eigenen Körpers und wird zu dessen integrativem Bestandteil.
Ich tippe das Thema hier nur an; m.E. hat die Beobachtung, daß der menschliche Körper um äußere Gegenstände erweiterbar ist, Auswirkungen auf das gesamte Konzept der Dialektik zwischen Mensch und Natur.
Zum Thema Verhaltensforschung und Werkzeuggebrauch (und zum Thema Motorradfahren) ist Bernt Spiegels Buch wirklich zu empfehlen. Er hat zwar auch Aussetzer - zum Beispiel ist seine Beschreibung der "Zuständigkeiten" der diversen Hirnteile wissenschaftlich gesehen von vorgestern - insgesamt jedoch empfehlenswert. Für manche vielleicht etwas trocken, aber ich lese fast so viele Fachbücher wie Belletristik, mir macht das nix aus. Wer praktischeres will: es gibt von Bernt Spiegel auch ein Trainingsbuch (Titel habe ich grade nicht parat, aber Amazon und Co helfen bestimmt gerne weiter).
Bernt Spiegel: Motorradtraining für alle Tage.
Ich finde beide Bücher wichtig: in dem Praxisbuch gibt es eine Reihe von Tips, die in der "Oberen Hälfte" nicht oder längst nicht so ausführlich erklärt erscheinen. Dafür fehlen all die Hinweise, warum man bestimmte Dinge tun, und andere bleiben lassen sollte.
Ein interessanter Effekt, den ich beim Programmieren festgestellt habe, ist, dass ich manchmal beim Gebrauch von Debuggern und ähnlichem auch eine "Schnittstellenverschiebung", wie Spiegel es nennt, habe. Die geschieht zwar auf einem rationaleren Niveau, fühlt sich aber verwandt an.
Dass mich jeder, dem ich das erzähle, für ein wenig spinnert hält, kann ich ab. Ich habe manchmal auch synästhetische Wahrnehmung und wirke dann ob des fasziniert-seins etwas debil :)
Interessant. Ich nehme an, Du meinst damit das Gefühl, gewissermaßen Bestandteil der Maschine zu werden, mit der man "sprechen" kann?
Oder noch anders: wenn ich über das Verhalten meiner Programme rede, sage ich häufig, daß "ich" dies oder jenes mache, wenn eigentlich gemeint ist, daß mein Code bestimmte Dinge tut - das drückt aus, daß ich tatsächlich das Gefühl habe, der Computer sei eine "Verlängerung" meines eigenen Willens.
Diesen Aspekt hatte ich bislang komplett vergessen; ich muß mal überlegen, wie ich den hier im Blog unterbringe (das könnte sogar ein Bindeglied zwischen den beiden "Maschinen" werden, mit denen ich mich hier beschäftige).
Die Ich-Bezogenheit des Programms wechselt bei mir stark mit dem Maß, in dem ich das Programm als "meins" verstehe. Zum Beispiel: "Und dann ist das Ding doof genug, ewig über die Liste zu hampeln und nie zu terminieren." vs. "Das mache ich eigentlich ganz schlau: da der Lookup über einen Hash geht, finde ich den Eintrag ziemlich schnell."
Die Dissoziation vom Werkzeug, wenn es nicht das tut, was man wollte (die ja eigentlich meint: ich habe das Werkzeug nicht richtig benutzt), ist etwas, was nahezu jedem Berufsstand zueigen ist. Der Feinmechaniker schiebt seine Fehler auf abgenutzte Drehstähle (hab ich auch schon gemacht). Der Coder beschwert sich über die "schlechte STL", der Fussballer meckert über den Rasen und der Rennfahrer gibt den Reifen die Schuld. Menschlich.
Andererseits neigen wir dazu, alle Erfolge selbst zu reklamieren. Die Frage ist, ob das aus Geltungssucht passiert oder weil wir fühlen, dass das tolle Werkzeug Erweiterung unseres eigenen Körpers ist.
Ich glaub, ich schweife ab.
Dennoch: ich visualisiere Datenstrukturen und habe sehr konkrete, haptische Überlegungen dazu, wie "ich" mit einer Datenstruktur am besten umgehe. Es ist sehr schwer zu erklären. Schwerer noch, als das "Popometer" beim Motorrad. Die digitale Welt ist kaum einem Aussenstehenden zu vermitteln, aber das Gefühl für die Strass eam Lenkrad kennt fast jeder.
In vielerlei Hinsicht muss man "das alles" wohl mal gemacht haben, um zu verstehen, wie sehr man sich auch die digitalen Werkzeuge zueigen macht.
> Ich glaub, ich schweife ab.
Ich denke, der Versuch, Fehler auf andere(s) abzuschieben hängt nicht so sehr am Werkzeugebrauch - man kann die Schuld ebenso bei Dingen wie (fehlerhaften) Werkzeugen, Umständen (der schlechte Rasen), oder anderen Menschen suchen.
Wenn man Fehler macht, kommt es in Beuzg auf das Werkzeug dazu, daß man die Unmittelbarkeit der Beziehung zu ihm einbüßt: das Werkzeug fühlt sich plötzlich fremd an, nicht mehr wie eine Verlängerung des eigenen Körpers, sondern wie ein ungelenker Gegenstand, den man nicht richtig in den Griff bekommt.
Bernt Spiegel benennt diesen Gegensatz mit dem Wort vom "Einbauteil vs. Ladegut". Wenn man auf dem Motorrad gut unterwegs ist und mit ihm eine Einheit bildet, wird man zum "Einbauteil". Wenn es aber nicht recht läuft und die Maschine einfach nicht so will wie man selber, sitzt man plötzlich oben drauf, und wird nur noch - passiv - transportiert: man wird zum "Ladegut".
> Dennoch: ich visualisiere Datenstrukturen und habe sehr konkrete, haptische Überlegungen dazu, wie "ich" mit einer Datenstruktur am besten umgehe.
Das geht mir nicht anders - wobei es ja an vielen Stellen bei Programmieren darum geht, sich die Werkzeuge überhaupt erst zusammenzubauen. Bestimmte Datenstrukturen bekommen mit der Zeit eine Struktur, die sich "richtig anfühlt", und plötzlich in dem Zusammenhang, in dem sie entwickelt werden, für eine Lösung "passen" - wie ein Zahnrad, bei dem man durch bloßes Anfassen und Hinsehen weiß, daß es die richtige Größe hat, noch bevor man es einsetzt.