Beethoven hören - Anmerkung zur Frage der eigenen Identität
Es gibt Musik, die begleitet mich mein ganzes Leben. Manche Werke höre ich seit mehr als dreißig Jahren wieder und wieder, und ich erschrecke regelmäßig, wie neu sie mir manchmal vorkommen - dann ist es, als hätte ich sie nie erlebt.
Es gibt sicherlich einige Werke, die ich so selten - oder getrennt durch so große zeitliche Pausen - gehört und deshalb schlicht vergessen hatte. Bei denen ist es kein Wunder, wenn sie mir so frisch erscheinen.
Es gibt aber auch Kompositionen, die ich intensiv studiert habe, und regelmäßig besuche. Auch bei denen ändert sich gelegentlich mein Bezug - und zwar nicht immer nur im Kleinen - etwa, wenn ich eine harmonische oder thematische Nuance entdecke, die mir zuvor entgangen war - sondern gelegentlich im Grundsätzlichen.
Von meiner späten Wertschätzung Schuberts und Mozarts habe ich bereits berichtet (von Haydn wird noch zu erzählen sein). Eben ist mir ein ganz alter Bekannter, Beethovens Streichquartett B-Dur, op. 130, begegnet - und erwies sich als Alien.
Beethovens späte Streichquartette sind ein Ehrfurcht gebietendes Monument, vor dem ich bereits als Teenager staunend gestanden habe, ohne es anders als durch die Augen Fremder bewundern zu können. Vor zehn Jahren habe ich mich durch die Noten sowie das Standardwerk von Kerman gearbeitet (well - nicht mit dem Ziel, eine Doktorarbeit zu schreiben...), und hatte einen echten Zugang - immer noch staunend, aber nicht mehr ratlos.
Heute abend habe ich op.130 einfach gehört, und bin in dem Bogen, der die sechs Sätze verbindet, ohne Fragen zu stellen versunken.
Die Streichquartette
Gewandhaus-Quartett
NCA (10 CDs)
Die Box ist wohl zu teuer, wenn man nur einen ersten Eindruck sucht. Die Leipziger spielen aber mit derartiger Hingabe und Präzision - im Agogischen wie in der Intonation (letzteres muß man ja, wenn es um Streichquartette geht, zuweilen betonen) - daß der Kauf sich lohnt. Die Aufnahmetechnik ist excellent: die diversen Leipziger Kirchen, in denen die Aufnahmen entstanden, bringen eine natürliche, dichte Räumlichkeit, die den Einsatz von digitalen Effekten überflüssig werden ließ.
Ich finde ja, man soll den Beethoven auch nicht zu hoch hängen, schon gar nicht die späten Quartette. Opus 130 kann wie ein Alien wirken, vielleicht sollte das immer jede gute Musik, aber eigentlich ist opus 130 sogar simpel und schön. Wie im Presto und in der Danza alla tedesca. Die große Fuge ist so eine Sache, die kann einen schon ganz schön erschrecken. Blutdrucksteigernd! Vermutlich.
Zur Aufnahme mit dem Gewandhaus-Quartett. Ich stand mehrfach davor, sie mir zuzulegen, weil ich sie bei Ramschläden schon gesehen habe für etwa 19 Euro - alle Quartette drin. Was ziemlich günstig ist. Haben dafür den Preis der Deutschen Schallplattenkritk 2004 bekommen.
Da ich aber Alban-Berg-Quartett und LaSalle-Quartett schon habe, habe ich mir das gespart.
Ich bin von den späten Quartetten, eigentlich dem gesamten Spätwerk, immer wieder erschlagen gewesen, erst langsam fange ich an, das zu kapieren. Mir kam op.130 als Alien vor, weil ich es plötzlich überhaupt nicht mehr schwierig fand, richtig eingängig, völlig konträr zu meiner Erinnerung.
Die anderen Quartette sind z.T. aber doch ziemliche Brocken, nicht nur Große Fuge, auch op.127, und op.131. Mal sehen, ich werde da die nächste Zeit weiter da durchgehen, vielleicht geht's mir bei dem Rest ja wie mit op.130.
Wenn die Gewandhaus-Aufnahme nur 19 Euro kostet, solltest Du zuschlagen. Ich kenne die Gesamtaufnahme des Berg-Quartetts ebenfalls, und die sind klanglich und intonationstechnisch längst nicht so gut.
Dann werde ich wohl zuschlagen.
Okay, das mit dem Alien habe ich wohl missverstanden. Es wist wohl nur die Abwehr dagegen, dass recht viele auf die Knie sinken, wenn sie "Späte Quartette" hören statt sie hören. Ich habe die "Mittleren" ganz zuletzt kennen gelernt. Und die begeistern mich am meisten.
Op.59, Nr.1. Wunderschön, eigentlich frühe Romantik - da kann ich auch nur schwelgen.
Und auf die Knie sinken vor Musik halte ich generell für unangemessen. Es gibt da starke Emotionen - und die sollte man schlicht leben, und nicht andere damit belästigen (um das mal sehr polemisch zugespitzt, und sehr vorläufig formuliert, in die Runde zu werfen).
Trotzdem (re:Beethoven) - wenn man sich ansieht, was Beethoven an motivischer Arbeit in seinem Spätwerk anzettelt, welche harmonischen Kühnheiten er sich da erlaubt - das findet man so lange Jahre später in der Musikgeschichte kaum wieder (das Argument, Bach hätte doch auch schon... - müßte man getrennt verhandeln).
Das mit den Kühnheiten würde ich nicht überbewerten. Manchmal kommt es mir durchaus so vor, als wäre es auch schon mal einfach fehlerhaft.
Und schließlich gibt es ja auch noch Berlioz. ;-)
Man spielt mich gegen mich selber aus...
Aber Du hast natürlich recht. Das "Monument Beethoven" wird spätestens brüchig, wenn man sich die Rezeptionsgeschichte anschaut (in der ja bekanntlich richtig schwere Bronzestatuen des Meisters in die Welt gestellt wurden - um vom Rummel um die "Neunte" mal zu schweigen).
Berlioz ist dagegen wunderbares Neuland - wenn man sich denn unbedingt im 19.Jh herumtreiben will, statt die aktuelle Musik wahrzunehmen.
Ich komme schon wieder runter von meinem Trip in Klassik/Romantik, ich brauche noch ein wenig Zeit.
Vor zwei Wochen erstanden bei Wohltath in Berlin. 19,90 Euro. Ist wirklich gut.
