Menschennatur (1)
Man sagt, die Religionen geben Antwort auf die Frage nach dem Sinn. Sinnlos wäre es, im Angesicht des gewissen Todes zu leben, ohne tieferen Grund. Letztlich sei also die Angst vor dem Tod die Ursache für das Entstehen von Religionen.
Ich sehe das genau anders herum: die Religionen sind die Ursache für die Angst vor dem Tod. Sie schaffen etwas, über das sie hinterher zu trösten vorgeben. Ohne dieses ganze Brimborium um Wiedergeburt, Schuld und Sühne etc. würde kein Mensch sich Sorgen über eine Sache machen, die er eh jeden Tag erlebt: das Verschwinden der eigenen Person.
Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, muß ich gar nicht so tief einsteigen und zeigen, daß der Begriff des Individuums eine Erfindung der Neuzeit ist, und keineswegs eine menschlich-universelle Konstante. Es genügt der Hinweis auf die Naturhaftigkeit des Menschen. Jeder Mensch verschwindet ständig in Natur. Wer glaubt, er sei in sich selbst identisch, übersieht dieses vollständige, absolute Anderssein in sich selber.
Natur ist ewig, Zeit kennen nur die Individuen. Individuum zu werden bedeutet, sich der Zeitlichkeit auszusetzen, und sobald man darüber reflektiert, beginnt die Angst vor dem Ende. Man kann die Reflexion jedoch auch andersherum beginnen, mit der Frage nach der eigenen Verwurzlung in Natur, oder anders: nach dem ewigen Kern in jedem von uns.
Der letzte Absatz ist die esoterische Simpelversion. Es geht noch weitaus verzwickter: die theoretische Physik etwa spekuliert über zehn Dimensionen, in denen Zeit und Raum nur Spezialfälle sind - nicht etwa, weil die Herren nichts zu tun haben, sondern weil es Beobachtungen gibt, die sich momentan nicht anders erklären lassen.
Wenn mir - in einer Situation, in der nicht einmal Begriffe wie Zeit und Ewigkeit klar definiert sind - jemand erklären kann, was Bewußtsein ist, würde ich eventuell beginnen, mir Sorgen darüber zu machen, was passiert, wenn mein Körper stirbt, und ob ich eine Seele habe. Bis dahin halte ich beide Fragen schlicht für falsch gestellt.
Das Individuum mag eine Erfindung der Neuzeit sein, die Religion ist es nicht. Und auch die Angst vor dem Tod ist es nicht, ganz einfach weil Menschen sich schon immer irgendwie sicher waren, dass sie derselbe Mensch seien wie vor 3 Jahren. Und das jemand, der tot ist, in 3 Jahren nicht mehr derselbe ist, sondern nur noch Humus. Die Angst vor dem Tod ist nicht etwa die Furcht vor einem Bewusstseinsverlust, wie ihn der Schlaf bietet, sondern die Angst generell zu enden. Freilich kann man versuchen dieser Angst mit dem Argument zu begegnen, dass man mit dem Ende selbst endet und damit keine Furcht vor dem Ende haben müsse. Aber damit kann man auch gegen jegliche Furcht vor Armut argumentieren, schließlich muss man sich keine Sorgen mehr um seinen Reichtum machen, wenn man erst arm ist.
Die Furcht vor dem Tod ist die Sorge um die ureigenste Qualität, die das Leben auszeichnet: es erleben zu können. Deshalb soll es durchaus Atheisten mit Angst vor dem Tod geben, nicht etwa weil sie über eine etwaige Hölle bedröppelt sind.
Zur Zeit, nun, die ist tatsächlich eine menschliche Anschauungsform. Aber diese Erkenntnis ist ebenfalls eine Entdeckung der Neuzeit (Kant um genau zu sein) und vor allem mit der Entdeckung verknüpft, dass die Natur nicht ewig und unveränderlich ist. Und so ist es auch der Mensch und sein ureigenster Kern nicht. Vor allem ist es recht widersinnig, den Menschen zur homogenen Restmasse seiner Natur zu rechnen und ihm den Frevel, Zeit und Individualität erst erfunden zu haben, anzulasten. Entweder, man sagt der Mensch ist natürlich und alle seine Produkte (Industrie, Chemie, Genetik) sind es damit auch, dann wäre der Begriff leer. Oder man unterscheidet zwischen von Menschen erschaffener Kultur und Natur. Dann jedoch muss erkennen, dass der Mensch sich längst stärker durch die eigens von ihm erschaffene Kultur prägt, als er es durch die Natur ist. Auch wenn er sich doch meist recht gleich bleibt, was schade ist, in vielerlei Hinsicht. Zur Kultur zählen übrigens auch Religionen und esoterische Kosmosvorstellungen, die ebenfalls zumindest religiöse Vorstellungen sind. Letztlich anzufügen ist die traurige Tatsache, dass der Tod uns all diejenigen entreißt, die vielleicht ein wenig von dem erlangt haben, was Weisheit genannt wird. Und uns ebenfalls, sollten wir einmal zu so etwas kommen.
"Dauerten wir unendlich / So wandelte sich alles / Da wir aber endlich sind / Bleibt vieles beim Alten."
B.Brecht
Du faßt die Positionen zusammen, die ich im Eintrag angreife.
Ich glaube, uns unterscheidet in erster Linie unsere Definitionen von "Natur" und "Menschsein". Für mich sind das zwei untrennbar miteinander verknüpfte Ebenen: der Mensch ist Teil von Natur, und gleichzeitig ihr Antagonist. Bei dem Versuch, Natur zu beherrschen, entsteht Gesellschaft - und alles gesellschaftliche hat eine merkwürdige Gemeinsamkeit mit allem natürlichen: es steht dem Menschen fremd gegenüber.
Aber diese Diskussion führe ich noch auf der Ebene der Einträge weiter.
(Ich hatte Deinen Einwand - "ganz einfach weil Menschen sich schon immer irgendwie sicher waren, dass sie derselbe Mensch seien wie vor 3 Jahren" - im Kopf, als ich heute Musik hörte. Das macht sich auch im dazugehörigen Eintrag bemerkbar).