Netzwerkprodukte (3)
Eine ähnlich gegenläufige Bewegung findet man in der Entwicklung der Software, zumindest in jener, die die Industrie hervorbringt.
Bis in die späten Neunziger brachten die Updates der großen Softwarepakete fast immer nicht nur Bugfixes, sondern echte Neuerungen - manchmal sogar solche, die niemand für möglich gehalten hätte. Bildbearbeitungen wie Photoshop, Betriebssysteme wie die von Apple, oder - um mal meinen eigenen Bereich zu nennen - Musiksoftware wie Cubase brachten Filterplugins, coole Benutzeroberflächen, und virtuelle Instrumente.
Heute ist dies weitgehend erstarrt. Die kommerziellen, monolitischen Applikationen halten ihren Benutzerkreis weitgehend durch ihre pure Existenz, z.T. weil es zu ihnen keine echte Alternative gibt (Photoshop), z.T. weil die User die existierenden Alternativen nicht wahrnehmen (Windows), z.T. weil man enorm komplexe Applikationen nicht über Jahre gelernt hat, nur um sie dann abzustreifen wie ein Hemd (Cubase, Photoshop).
Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: jene Erstarrung verdankt sich dem ins Gargantueske gewachsenen Sourcecode. Bei Steinberg hatten wir Mitte der Neunziger immerhin noch erkannt, daß der alte C-Code nicht mehr lange wartbar sein wird, und hatten ein komplettes Rewrite gestartet. Trotzdem geistert da noch einiges an Legacy-Code herum (legacy = Erbe = Wurstcode; z.B. mein Noteneditor) - und selbst die Wurzeln des neue Codes liegen heute dreizehn(!) Jahre in der Vergangenheit. - Bei anderen Firmen mag das weit dramatischer aussehen. Ich möchte jedenfalls keinen Job bei Adobe oder Microsoft. Bei denen dürfte Programmiererarbeit Ahnenforschung bedeuten.
Interessant. In den 80ern gabs die Softwarekrise, in den 90ern die Hardwarekrise und heute die Userkrise (aus Sicht der Industrie natürlich). Passend dazu wurde in den 80ern das ganz große Geld mit der Hardware verdient, in den 90ern mit der Software und heute mit dem Netz. Wohin uns Moores Law wohl als nächstes führt? Hardware wird in absehbarere Zeit schlicht umsonst sein.
Bei den Spielen ist die Lage übrigens auch viel entspannter geworden. Zum einen findet wieder viel mehr auf Konsolen statt und zum anderen gibt es auch viel Anbieter die gezielt nicht auf die neueste Hardwaregeneration setzen und damit extrem erfolgreich sind. WoW ist das beste Beispiel. Das spiele ich in niedrigster Auflösung auf einem uralt-Rechner, dem ich ne mini-Speichererweiterung verpassen musste und in höchster Auflösung auf einem Laptop (!), der auch schon wieder ein paar Jährchen auf dem Buckel hat.
Das Wort von der "Userkrise" werde ich mir mal unters Kopfkissen legen :-)
Und zu WoW fällt mir die Wii ein - Hardware, die nicht aus dem - hardwaretechnisch machbaren - Vollen schöpft, sondern auf ein neues Bedienkonzept setzt.