Musik

Als ich acht war, habe ich angefangen, Geige zu spielen. Mein Vater konnte dieses Instrument, und ich wollte lernen, was er kann (das änderte sich später natürlich). In unserer Wohnung gab es ein verwaistes Klavier, auf dem ich autodidaktisch zumindest Grundlagen legte. Mit 14 habe ich mir zum Geburtstag eine elektrische Baßgitarre gewünscht und bekommen - und bin dabei hängen geblieben.

Mein Erwachsenwerden hat stark mit Musik zu tun: in meinem Elternhaus wurde viel sog. Klassik gehört, wobei bei Brahms Schluß war (im Sinne von: neue Musik kam nicht vor). Als ich begann, Rockmusik zu hören und - mit 16 - die Geige beiseite legte, war das als Provokation gemeint. Als ich dann auch noch meinen ersten Zugang zur sog. atonalen Musik fand, hatte ich freies Land vor mir: einen ersten eigenen Standpunkt, der sich nicht beiseite wischen ließ.

Ein Schlüsselerlebnis war an jenem Nachmittag, als ich - völlig zufällig - im Radio Alban Bergs Violinkonzert hörte. Ich kannte solche Musik noch nicht, und ich war von ihrer fremden Schönheit, die in all den ungehörten Reibungen und Dissonanzen trotzdem wie eine ferne Bekannte wirkte, auf Anhieb fasziniert. Am nächsten Tag kaufte ich, gleich nach der Schule, eine Aufname des Konzerts (gespielt von Yehudi Menuhin, Pierre Boulez dirigiert das BBC-Orchester). Was ich da schon ahnte, hat sich heute bewiesen: es gehört gewiß zu den Meilensteinen der Musikgeschichte.

In den 80er (Hannover-) Jahren war ich im Free-Jazz angekommen, als Hobby- und Nebenbei-Musiker zuerst. Neben meinem Studium war ich als Gasthörer in der HfM (Hochschule für Musik) eingeschrieben, und bekam kostenlosen Unterricht auf dem Baß. Ich wurde langsam besser, und gehörte nach und nach zum Bestand der hannoverschen Jazzszene - nicht mehr ausschließlich in freier Musik, sondern auch bei Standard-Sessions und Jazzrock-orientierten Projekten, langsam auch im semiprofessionellen Bereich (sprich: man mußte nicht mehr dafür bezahlen, einen Gig zu spielen). Dabei habe ich immer eigene Bands gehabt, die fast ausschließlich meine Kompositionen spielten - im Lauf der Zeit habe ich sicher an die hundert Jazzstücke und - später - "Pop"songs geschrieben.

Seit 1985 habe ich Musik studiert - und hatte damit eine Entschuldigung, nichts anderes mehr nebenbei zu tun. Dabei hatte ich die Aufnahmeprüfung nur aus einer Laune heraus mitgemacht - mein Studium war in einer Sackgasse gelandet, ohne berufliche Perspektive, ich griff da nach dem berühmten Stohhalm und investierte einige Nachmittage, um meine verkümmerten pianistischen Fähigkeiten zu reaktivieren - und bestand die Aufnahmeprüfung  an der HfM.

Vier Jahre später war ich von dem akademischen Zugriff auf eine ihrem Wesen nach anarchische Musik wie den Jazz derart angewidert, daß ich etwas völlig neues machen wollte: ich schrieb Blindbewerbungen an alle damaligen Hersteller von Musiksoftware in Deutschland (die Zahl lautet: sieben) - und wurde von Manfred Rürup eingestellt, um den Noteneditor von Cubase zu retten... (wer es sich antun mag: das "Keller und Schleifen"-Essay enthält eine Reihe von autobiografischen Bezügen aus jener Zeit).

Das aktive Musikmachen ging stark zurück, der neue Beruf war eine unglaubliche Herausforderung und ließ kaum Zeit für andere Dinge. Erst zwei oder drei Jahre später habe ich noch einen neuen Anlauf genommen, Gitarre gelernt, Gesangsunterricht genommen, Songs geschrieben, - und einen alten Freund aus Jazzer-Zeiten ins Boot geholt. Wir schraubten noch einmal an etwas völlig Neuem - und sind letztlich daran gescheitert, den Rest der Band zufriedenstellend zu besetzen. Schließlich verlief das Projekt im Sande.

Der bisher letzte Abschnitt meines Musikerlebens startete1997 mit einem Livekonzert in der Musikhalle: ich hörte die 2. Symphonie von Gustav Mahler - und war dieser Musik verfallen. Das war nur der erste Schritt, ich wollte Mahlers Wurzeln kennenlernen, und die liegen nun einmal bei Richard Wagner. Wagner war nie ein Thema gewesen, mein Vater haßte ihn (wieso, weiß ich nicht), und es hat auch später niemanden gegeben, der mir einen Wink gegeben hätte. So erlebte ich das Wunder, mit unbelasteten Ohren, aber einer umfassenden musikalischen Ausbildung, ein Werk kennenzulernen, das in seiner Gesamtheit zum Besten gehört, was die abendländische Musikgeschichte zu bieten hat - und in Wagners "Tristan" ihren Höhepunkt markiert.

So steht es um mich, momentan.