31.1.2012

Alin Coen Band

Die „Alin Coen Band” habe ich bisher nicht gekannt. Schon der erste Song ist wirklich toll – wunderbare Gitarren (man kann an dem Beispiel sehr schön hören, wie wichtig die „Voicings” sind, selbst wenn die zu Grunde liegenden Akkorde sehr einfach sind), eine interessante Stimme, und – imho besonders bemerkenswert – ein deutscher Text, der ausnahmsweise mal weit entfernt von peinlich ist.

Der Live-Mitschnitt von SAT3 ist lang, hat aber keine Längen. Das ist das erste Mal, daß ich über „Pop in deutscher Sprache” stolpere, den ich uneingeschränkt (Stimme, Kompositionen, Umgang mit den Instrumenten, Texte) hörenswert finde.

Von Alin Coen gibt es bei Amazon zwei CDs zu kaufen (Wer bist Du?; Einer will immer mehr). Ich habe sie eben bestellt, und werde berichten.

(Via Lud Brönneke)

16.1.2012

Dietrich Buxtehude: Membra Jesu Nostri

Die Musik beginnt bei ca. 2:30:

Wenn jemand freiwillig 400 Kilometer zu Fuß zurücklegt, muss er schon ein besonderes Ziel haben. Von Johann Sebastian Bach, damals 20 Jahre alt und schon zwei Jahre als Organist in Arnstadt, hören wir, dass er im Herbst 1705 diese Strecke von Arnstadt nach Lübeck gewandert ist. Im „Nekrolog“, verfasst von seinem Sohn C. Ph. E. Bach und J. F. Agricola, einem Schüler von J. S. Bach, ist zu lesen: „[…] ihn [J. S. Bach] bewog ein besonders starker Trieb, den er hatte, so viel von guten Organisten, als ihm möglich war, zu hören, daß er, und zwar zu Fusse, eine Reise nach Lübek antrat, um den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche Diedrich Buxtehuden, zu behorchen. Er hielt sich daselbst nicht ohne Nutzen, fast ein vierteljahr auf, und kehrete alsdenn wieder nach Arnstadt zurück.“

Er hatte vier Wochen „Bildungsurlaub“ erhalten, blieb aber fast vier Monate fort. Auf die Frage „[…] wo er unlängst so lange geweßen?“ gab er die Antwort: „Er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen.“ So ist es aufgezeichnet im „Protokoll des Konsistoriums Arnstadt, 21.2.1706“.

Klaus Jürgen Thies: Dietrich Buxtehude und Bach (PDF).

J.S.Bach hat damals seinen „Bildungsurlaub“ nicht etwa abgebrochen, weil ihm am Werk des Lehrers nicht gelegen wäre. Buxtehude wollte ihn als seinen Nachfolger, verband das aber mit der Bedingung, daß der seine (mittlerweile knapp 40jährige) Tochter heiratet. Erst nach langem Zögern und wohl schweren Herzens verabschiedete sich Bach, und ging zurück nach Arnstadt, zu seiner Jugendliebe, Maria Barbara. – Diese Geschichte ist wahrscheinlich nur eine Legende; das macht sie nicht weniger wahrhaftig.

Eine meiner Hausstrecken auf dem Motorrad führt über Lübeck. Ich mache dort oft eine Pause, u.a., um die Marienkirche zu besuchen, in der Buxtehude begraben liegt, um dem Lehrer des Meisters meinen Respekt zu bezeigen.

9.1.2012

Der trainierte Mensch

Kultur macht das Leben nicht bequem, sondern unruhig. Schönheit ist ebenso beunruhigend wie das Grauen […] Wenn wir uns darauf einlassen, finden wir, dass ein Kunstwerk, ganz gleich wie fern uns seine Entstehung liegt, in einen gegenwärtigen Dialog mit uns tritt.

Wer sich auf solche Dialoge einlassen will, bedarf dazu einiger kultureller Voraussetzungen. Deshalb ist Kultur mit Bildung auf Gedeih und Verderb verschwistert. Zumindest seit der Aufklärung, deren Segen ihren Schrecken doch überwiegt, ist unsere Kultur ohne Bildung nicht mehr denkbar.

Wie sieht es heute damit aus?
Wir haben, grob gesagt, starke Bildungsinstitute ohne Kultur. Das liegt weder an den Lehrenden, noch an den Lernenden. Es liegt an dem grotesk falschen Verständnis von Bildung, das sich in der Wissensgesellschaft durchgesetzt hat.[…]
Bildung ist die Verwandlung geistiger Erfahrung in lebendiges Bewusstsein […] bildlich gesprochen: den eigenen Ort in der Welt zu finden und zu verstehen. Genau das ist offenbar kein Ziel der Pädagogik mehr – die Inhalte, die dafür nötig wären, werden zurückgedrängt zugunsten anderer Curricula, deren unmittelbar nützliche Anwendbarkeit im Berufsleben hervorgehoben wird. Der trainierte Mensch, der dabei entsteht, hat als Idealbild der sogenannten Informationsgesellschaft den gebildeten Menschen abgelöst.[…]

[…] Häufig stoße ich in Schulen, bei Lesungen vor Deutschleistungskursen […] auf Abiturjahrgänge, die erstaunlich wenig für ihr Fach gelesen haben, aber über ein ebenso verblüffendes wie überflüssiges germanistisches Fachwissen verfügen. Manche können eine Tautologie von einem Pleonasmus und diesen von einem Hendiadyoin unterscheiden, kennen aber keine Ballade, haben so gut wie nie ein Theaterstück ganz gelesen, oft nur einen Roman, mehr oder weniger vollständig; doch man hat ihnen die strukturellen Unterschiede der literarischen Gattungen und die Schubladen der Literaturepochen beigebracht.

(Gert Heidenreich; via NachDenkSeiten.)

Ich habe am Wochenende einige Fragen beantwortet, die eine Sechstklässlerin zu der nächsten Klassenarbeit im Fach Musik hatte. Da ging es allesamt um die Fähigkeit, Noten zu lesen: benenne Noten im Violin- und Baßschlüssel; vervollständige eine rhythmische Struktur so, daß sie im Taktmaß aufgeht; erkenne den Unterschied zwischen Achtel- und Vierteltriolen; etc. Das Problem, bei dem ich dann um Hilfe gebeten wurde, drehte sich um die korrekte Auflösung des Endtaktes eines auftaktigen Stückes.

Nochmals: sechste Klasse. In diesem konkreten Fall werden zwar immerhin drei Wochenstunden Musik geboten, aber, soweit ich das weiß, ist das Erlernen eines Musikinstruments dort keine Pflicht. Mehr noch: anscheinend wird dort nicht einmal regelmäßig gesungen.

Ganz offenkundig erwartet der Lehrer von den Schülern nicht im Ansatz ein Verständnis, warum sie Notenschrift lernen; es geht darum, antrainiertes „Wissen“ zu testen und mit einer Zensur zu versehen.

Gert Heidenreich hat im oben verlinkten Essay Grundsätzliches darüber gesagt, warum solch ein Vorgehen nicht nur offenkundiger Unsinn ist, sondern vorsätzliche Geistesverletzung an unseren Kindern.

Ich bin der Meinung, daß zu einer ordentlichen musikalischen Ausbildung unbedingt gehört, daß man Noten lernt – und zwar gerade in einer Zeit, in der musikalischer Analphabetismus nicht nur toleriert wird, sondern fast schon unabdingbar ist, wenn man nach „street credibility” als Popmusiker sucht. Auf den ersten Blick ist das ein anachronistischer Standpunkt, den ich erst begründen müßte. Eine Praxis der musikalischen Ausbildung, in der die Kinder Notenschrift gewissermaßen mit der Rute eingebleut bekommen, macht es mir freilich fast unmöglich, dafür noch gute Argumente zu finden.

Nachtrag: Ich gehöre keinesfalls ins Lager jener, die „Kultur” allein als Leistung des „Geistes” definieren; ein Zentrum meiner Texte liegt im Hinweis, daß es Bereiche von Wissen jenseits des Verstandes gibt; u.a. hier und – zentral – hier.

3.1.2012

Neue Musik: Zu schräg für unser Gehirn

Der Artikel in der ZEIT ist mit einer Einleitung versehen, die auch in einer Zeitung im Boulevard stehen könnte:

Neue Musik ist anstrengend. Neuro- und Musikwissenschaftler erforschen, warum die Klänge von Schönberg, Stockhausen und Cage nur eine Minderheit begeistern.

Christoph Drössers Artikel benennt dann aber doch einige Punkte, die ich nur unterschreiben kann (wenn ich sie aus dem Zusammenhang von reichlich Unsinn herausreiße):

Die Neue Musik ist einsam alt geworden, die Zeitgenossen der »zeitgenössischen klassischen Musik« sterben langsam aus. Das spärliche Publikum, das oft nur ein Konzert besucht, weil es zum Abonnement gehört, sitzt dieser Musik häufig verständnislos gegenüber. […]

Ganz anders ergeht es dagegen der zeitgenössischen bildenden Kunst: Auch die ist oft sperrig, experimentell, absurd, bricht mit allen Konventionen – aber die Museen moderner Kunst sind regelrecht überlaufen. Warum ist das bei der zeitgenössischen klassischen Musik anders? […]

Eckart Altenmüller von der Hochschule für Musik und Theater in Hannover bezeichnet das als das Paradox der Neuen Musik: »Wir können Neue Musik besser verstehen, wenn wir sie häufiger hören – sie ist aber so komponiert, dass sie die meisten Menschen nicht dazu anreizt, sie häufiger zu hören.« […]

Fesselnde Musik zeichnet sich dadurch aus, dass sie einerseits die Erwartungen unseres Zukunftssinns erfüllt, diese dann aber immer wieder gezielt verletzt und uns so in Erregung versetzt. Völlig erwartbare Musik ist langweilig, völlig unerwartbare Töne werden gar nicht als Musik wahrgenommen, sondern nur als fremder Klang. […]

In ihrem ständigen Streben nach Innovation, nach neuen Klängen hängen die Komponisten das breite Publikum ab – eine seltsame Eigenheit der westlichen klassischen Musik. […]

Der britische Musikwissenschaftler John Sloboda sieht den Grund für die mangelnde Akzeptanz experimenteller Musik nicht nur in ihrer avantgardistischen Struktur, sondern vor allem im sozialen Umgang mit ihr.

Für diese Erkenntnisse braucht man freilich keine Neurowissenschaften, sondern ein Verständnis von Musik, das davon absieht, bestimmte Stilistiken hervorzuheben, oder gar für „überlegen“ zu halten. Davon sind mE sowohl die Avantgardisten wie auch das allgemeine Publikum gleich weit entfernt.

(In meinem Blog findet sich einiger Hintergrund zu dieser These; ein Selbstzitat: „Der Elfenbeinturm wurde nicht von den Komponisten erfunden. Er wurde in der Kunstgeschichte vom Bürgertums errichtet. Die Nazis haben dann die Tür verschlossen und den Schlüssel weggeworfen.”)

1.1.2012

Malvina Reynolds – Little Boxes

„Little Boxes“ ist der Song im Vorspann zu den ersten drei Staffeln von „Weeds“ (eine bitterböse, mit schwarzem Humor durchtränkte TV-Show, die unbedingt sehenswert ist). In der ersten Staffel hört man das Original von Malvina Reynolds (1900-1978), danach vor jeder Folge eine jeweils andere Version, u.a. von Joan Baez, Pete Seeger, aber auch von Linkin Park, den Shins, sowie Varianten für großes Orchester, Rapgesang, uvm.

Mir gefällt das Original mit Abstand am besten. Reynolds' brüchige Stimme ist so weit abseits von gewohnten Schemata, daß man wohl automatisch mit allem anderen, was man gerade tut, unterbricht, und erst einmal hinhört.

Dabei ist es hier der Text, auf den es ankommt. Der Song stammt vom Anfang der 60er Jahre und beschreibt eine Realität, an der sich bis heute nicht großartig etwas geändert hat.

26.12.2011

Joan Armatrading - Down To Zero

Oh the feeling
When you're reeling
You step lightly thinking you're number one
Down on zero with a word
Leaving
For another one

So wie der „reeling drunk“ schwankt auch der Rocksong in seinem drei-viertel Walzertakt – nicht zuletzt dann, wenn er gelegentlich ganz leise wird („when you fall”). Das „down to the ground“ ist dann eine Sequenz in der Melodie, wo Armatrading die Grundtöne der Kadenz singt.

Das ist einfach fantastisch einfach (bemerkenswert, wie Armatrading nicht damit aufhört, gegen die diversen rhythmischen Verladungen im Song mit den Achteln auf ihrer Gitarre stur durchzuhalten).

19.12.2011

Eric Dolphy Quintet – Berlin 1961

Das Video oben bietet ein schönes (zudem kurzes) Beispiel für ein „Verkehrtherum-Solo”: Eric Dolphy startet mit Phrasen im extremen „Outside”, kehrt danach aber wieder ins „Inside” zurück.

Überhaupt Eric Dolphy: ich halte ihn für einen der facettenreichsten Saxophonisten im Jazz überhaupt. Er hat neben John Coltrane und Miles Davis auf der Bühne gestanden, ohne daß man ihn nur für einen Moment für einen „Sidekick” hätte halten können. Bei Konzerten gemeinsam mit seinen weit berühmteren Zeitgenossen hat er niemals in deren Schatten gestanden.

Von Dolphy gibt es zahlreiche Aufnahmen, die jedoch meistens nicht über Sessioncharakter hinauskommen: einem Thema folgt ein Solo dem anderen, wobei die Soli mit dem Thema wenig oder gar nichts zu tun haben. Darüber hinaus sind idR. die Mitglieder seiner Band ihm nicht annähernd ebenbürtig (wobei außer Frage steht, daß Freddie Hubbard eine hervorragende Trompete spielt). Anders als bei Coltran oder Davis sind die Soli Dolphys der einzige Grund, sich dessen Aufnahmen anzuhören.


Um einen Vergleich zu geben: das Video unten (John Coltrane, My Favorite Things; die Aufnahme bricht leider mitten im Solo von McCoy Tyner ab) zeigt eben keine Session, sondern die gemeinsame Improvisation einer eingespielten Band. Hier baut das Level an Intensität gleich zu Beginn auf dem Thema auf, wobei Coltrans Solo mit dem Thema (als Höhepunkt) endet.


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