Ökonomie steht vor totaler Neuorientierung
Beim ersten Mal hat es fast sieben Jahre gedauert. So viel Zeit verstrich zwischen dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 und dem Erscheinen der "Allgemeinen Theorie" von John Maynard Keynes im Jahr 1936. Der britische Nationalökonom rechnete darin grundlegend mit seinen Fachkollegen ab.
Die bis dahin gängigen Theorien seien allesamt nicht in der Lage, die Große Depression zu erklären und könnten der Politik keine Auswege weisen. "Die orthodoxe Wirtschaftslehre", urteilte Keynes im Vorwort seines Werkes barsch, "ist auf der falschen Fährte." Das Fach müsse nichts weniger als "aus den alten Denkmustern ausbrechen". In der "Allgemeinen Theorie" legte Keynes die Basis für ein neues Paradigma, das das Fach drei Jahrzehnte lang beherrschen sollte.
Heute, ein gutes Dreivierteljahrhundert später, steckt die Wirtschaftswissenschaft nach Ansicht vieler Beobachter in ganz ähnlichen Problemen: Die 2007 ins Rollen gekommene Finanz- und Wirtschaftskrise führte die Welt nicht nur an den Rand einer zweiten Großen Depression. Sie hat auch eine zunehmend hitzige Debatte darüber angefacht, ob wichtige Teile der Volkswirtschaftslehre auf dem falschen Gleis unterwegs waren.
Immerhin: das kann man heute im Handelsblatt lesen. Von „hitzigen Debatten” sehe ich allerdings nur wenig.
Wie die Uni-Ökonomen versagen
Im Jahre 2002 erschien im Journal of Political Economy ein Artikel mit dem vielversprechenden Titel "A Theory of Prostitution". Zwei Ökonominnen, Lena Edlund und Evelyn Korn beschäftigen sich darin mit einem "hochinteressanten" Phänomen: Prostitution ist eine Tätigkeit, die keine Ausbildung braucht, arbeitsintensiv ist und hauptsächlich von Frauen durchgeführt wird. Und trotzdem, und jetzt kommt das Rätsel, sind Prostituierte im Durchschnitt gut bezahlt. Wie kann das sein?[…]
Aber das Naheliegende ist natürlich viel zu einfach. Die "Freude am Sex mit einer jungen Frau" als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor. Stattdessen zerbrechen sich die Autorinnen den Kopf, warum verheiratete Männer zu Prostituierten gehen, obwohl sie Sex doch billig zu Hause haben könnten.
Ich verlinke den Beitrag ohne eigene Meinung – ob das nur billige Polemik oder doch eher ein gutes Beispiel für das Versagen der ökonomischen Wissenschaften ist, kann ich nicht entscheiden (ich tendiere zu Letzterem).
David Graeber: On the Invention of Money
[…] Just in way of emphasis: economists thus predicted that all (100%) non-monetary economies would be barter economies. Empirical observation has revealed that the actual number of observable cases—out of thousands studied—is 0%. […]
What anthropologists have in fact observed where money is not used is not a system of explicit lending and borrowing, but a very broad system of non-enumerated credits and debts. In most such societies, if a neighbor wants some possession of yours, it usually suffices simply to praise it (“what a magnificent pig!”); the response is to immediately hand it over, accompanied by much insistence that this is a gift and the donor certainly would never want anything in return. In fact, the recipient now owes him a favor.
David Graebers Buch „Dept” wird derzeit viel diskutiert – in seinem Blogeintrag bei nakedcapitalism.com kann man eine knappe Zusammenfassung seiner Argumente finden.
(Via)
Oliver Kalkofe - Die wahre Presserklärung von Christian Wulff
Ich muß das doch noch nachreichen: die stellvertretende Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, vorgetragen von Oliver Kalkofe.
J.S.Bach - BWV 16, Neujahrskantate
Netherlands Bach Cologium
Peter Jan Leusink
BWV 16
Entstehungszeit: 1.Jan 1726
Anlass: Neujahr
Richtig spannend ist die „Aria e Coro” No.3, ab 2:57 – „Laßt uns jauchzen, laßt uns freuen”.
Das ist die Musik des Barock, und nicht vermeidlich mathematisch konstruierte Fugen – oder gar das Gegenstück zu Beethovens „Für Elise” aus dem „Wohltemperiertem Klavier”, das Präludium in C aus BWV 846. J.S.Bachs Aufruf, wie man das neue Jahr am besten angehen lassen sollte, kann ich mich nur anschließen.
Wolfgang Streeck - privater Keynesianismus
Wolfgang Streeck gibt im Interview mit der ZEIT einen guten Ausblick auf eine Zukunft, in der das Scheitern der neoliberalen Deutungsmodelle allenfalls bedeutet, sie ein wenig anzupassen, um weiterzumachen wie zuvor.
ZEIT ONLINE: Für die neunziger Jahre sprechen Sie von "privatem Keynesianismus". Was meinen Sie damit?
Streeck: Die Kürzung der Staatsausgaben wurde ausgeglichen durch beispiellose neue Möglichkeiten für Bürger und Unternehmen, sich zu verschulden. Faktisch wurden öffentliche durch private Schulden ersetzt. Nicht der Staat nahm Kredite auf, um Bildung zu ermöglichen und Wohnraum zu schaffen, sondern die Bürger wurden ermuntert und de facto gezwungen, dies auf eigenes Risiko selber zu tun. Auch diese Strategie der Konfliktbewältigung hatte eine Zeit lang nur Gewinner: die Reichen blieben von höheren Steuern verschont und wurden immer reicher, die Armen konnten Häuser kaufen, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten und die ihnen als Ausgleich für die Kürzungen der Altersrente und als Sicherheit für Konsumentenkredite dienten, mit denen sie sich über ihre stagnierenden Reallöhne hinwegtrösten konnten. Bis zum Crash, 2008….
ZEIT ONLINE: Niemand hatte damit gerechnet!
Streeck: Nach 2008 mussten die Finanzwirtschaft durch Bail-out-Programme und die Realwirtschaft durch Konjunkturprogramme gerettet werden. Das ging nur, indem sich die Staaten erneut und in bisher ungekanntem Ausmaß verschuldeten. All die mühselig erreichten Konsolidierungserfolge der 1990er und 2000er Jahre waren damit hinfällig. Als Folge begannen nun dieselben Banken und Investment-Fonds, die gerade von den Staaten auf deren Kosten vor sich selbst gerettet worden waren, sich von neuem über die Rückzahlung ihrer Kredite Gedanken zu machen. Die Frage für sie ist, ob die Staaten ihre finanziellen Mittel in Zukunft dafür verwenden werden, demokratisch bewehrte Forderungen ihrer Bürger nach sozialem Ausgleich und sozialer Sicherheit zu bedienen oder zivilrechtlich begründete Ansprüche ihrer Kreditgeber auf Verzinsung und Rückzahlung ihrer Schulden. Darum geht es zur Zeit: um den alten Konflikt zwischen Marktgerechtigkeit und sozialer Gerechtigkeit in historisch neuer und politisch zugespitzter Form.
Es zwingt mir fast ein Lächeln ab, dabei zuzusehen, wie ein kluger Kopf es schafft, Ursache und Wirkung miteinander zu vertauschen.
Nur zur Erinnerung: die Programme, mittels derer fast überall in der Welt fast jedermann Immobilien zu 110% finanziert bekam, selbst wenn er über keinerlei Sicherheiten verfügte, kam von den Banken, und hat mit öffentlichen Wohlfahrtsprogrammen nicht das Mindeste zu tun.
Die Banken haben danach die von ihnen gewährten Kredite in „Innovative Finanzprodukte” gebündelt und zu AAA-Ratings – die wiederum von privaten Institutionen erteilt wurden – weiter verkauft. Das ist die (unmittelbare) Ursache von 9/15 (dem Zusammenbruch von Lehman Brothers am 15.9.2008), und nicht die sog. „Staatsschulden” (die das Resultat von verfehlter Steuerpolitik sind).
Die Staaten haben in genau einer Hinsicht versagt: sie haben, über lange Jahre, der Finanzwirtschaft einen Freibrief für ihr Tun verschafft.
Ich gehöre nicht in die Runde jener Experten, die genau nachweisen könnten, was alles falsch gelaufen ist, und ich habe nicht die Mittel, um Streeck im Detail zu widerlegen. Es ist aber offensichtlich, daß Streeck Propaganda verbreitet für ein „weiter so“; für eine Wirtschaftspolitik, die uns ins Schlamassel überhaupt erst geführt hat.
Dabei ist „Propaganda“ nicht das richtige Wort. Ich bin mir relativ sicher, daß Streeck von seinen Argumenten überzeugt ist und nicht etwa bezahlte „Meinungsmache“ betreibt. Die von ihm vertretene Logik ist nur dann widerlegbar, wenn man ein wenig tiefer einsteigt, und etwa einsieht, daß das jeweilige Bild von der Welt etwas mit den Interessen jener zu tun hat, die es vertreten – und unter „Interesse“ verstehe ich eben nicht den Versuch, unter der Matratze des eigenen Betts möglichst viele Geldscheine zu verstecken.
Ich verweise, einmal mehr, auf meine Notizen zum Konstruktivismus.
Die neue internationale Wirtschaftsunordnung
Vor unseren Augen nimmt eine neue Wirtschaftsordnung Gestalt an und dazu gehört die beschleunigte Annäherung zwischen den alten Mächten des Westens und den neuen bedeutenden Akteuren unter den Schwellenländern. Allerdings hat die Dynamik dieser Annäherung wenig mit dem zu tun, was Generation von Ökonomen vor Augen hatten, als sie auf die Unzulänglichkeit der alten Ordnung hinwiesen. Und die Folgen dieser Dynamik könnten ebenso beunruhigend sein.
[…]
Auf einmal stand die Welt Kopf: die „reichen“ Länder bauten riesige Defizite auf und wurden in manchen Fällen vom Nettogläubiger zum Nettoschuldner, während „arme“ Länder riesige Überschüsse und enorme Bestände an Auslandsaktiva, einschließlich finanzieller Forderungen gegenüber westlichen Ökonomien, anhäuften.
Die Länder wussten wenig darüber, dass ihre unterschiedlichen Entwicklungen riesige globale Ungleichgewichte schüren und letztlich eine Finanzkrise auslösen würden, die die vorherrschende internationale Wirtschaftsordnung in ihren Grundfesten erschütterte.
Eine vollständige Wiederherstellung dieser Ordnung wird es auch nicht geben. […] In einer erstaunlichen Umkehrung der Verhältnisse müssen nun beinahe alle westlichen Länder um die gute Einstufung ihrer Kreditwürdigkeit zittern, während einige Schwellenökonomien auf der Rating-Leiter immer weiter nach oben klettern. […]
(Mohamed A. El-Erian bei Project Syndicate. - Via Wallflowers)
Notiz
Ich verstehe nicht, wie man das Versagen von Gesellschaft mit dem Versagen Einzelner erklären will. Das geht doch nur dann, wenn man selbst alltägliche Erfahrungen – alle empirischen Fakten der eigenen Existenz – komplett ausblendet.
Man ist dann nur um Haaresbreite davon entfernt, alles Unglück den Juden (Negern, Zigeunern..) in die Schuhe zu schieben.