Howard Zinn - Eine Geschichte des amerikanischen Volkes
Howard Zinn zitiert Bernard Bailyn, der die herrschende und weitgehend unumstrittene Sicht der Historiker auf die amerikanische Revolution und die Leistung der Gründerväter wiedergibt:
Jeder Mensch kannte die grundlegenden Bausteine für eine kluge und gerechte Regierungsform. Es ging darum, die widersprechenden Kräfte in der Gesellschaft so auszubalancieren, dass keine Kraft die andere überwältigen und, unüberprüft, die Freiheiten zerstören konnte, die allen zustanden. Das Problem war, die Regierungsinstitutionen so anzuordnen, dass man diese Balance erreichen konnte.
Auf den ersten Blick war dies tatsächlich das Anliegen der Männer um George Washington – der Mythos der westlichen Demokratie als bestmöglicher Ordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die die Freiheit des Einzelnen in den Mittelpunkt der staatlichen Ordnung stellt, beginnt mit der amerikanischen Unabhängigkeit und Verfassung, und lebt bis heute fort.
Howard Zinn hat hier freilich einen ganz anderen Blickwinkel:
Waren die Gründungsväter kluge und gerechte Männer, die versuchten, eine gute Balance zu finden? Tatsächlich wollten sie keine Balance finden, außer einer, die alles beließ, wie es war, eine Balance zwischen den dominierenden Kräften jener Zeit. Sie wollten ganz sicher kein Gleichgewicht zwischen Sklaven und Herren, Eigentumslosen und Eigentümern, Indianern und Weißen.
Zinn versucht, die Geschichte der USA aus der Sicht der Unterdrückten – der Armen, der Sklaven, der Indianer, und nicht zuletzt der Frauen – zu schreiben. Er tut dies nicht, um den moralischen Zeigefinger zu heben und nachträglich darüber zu entscheiden, wer Recht hatte, und wer nicht. Er versucht auch keine Belege für irgendeine politische Theorie zu finden – er gehört sicherlich zum linksliberalen politischen Spektrum in den USA, ohne jedoch auch nur ansatzweise in die Nähe von marxistischer Argumentation zu geraten (die „Linke” in den Staaten ist komplett anders gestrickt als ihr europäisches Gegenstück). Er selbst formuliert seine Sichtweise wie folgt:
Die Geschichte jedes Landes […] verbirgt bittere Interessenkonflikte […] zwischen Eroberern und Eroberten, Herren und Sklaven, Kapitalisten und Arbeitern, rassisch oder sexuell Dominierten und Dominierenden. Und in einer solchen Welt der Konflikte, einer Welt von Opfern und Henkern, ist es, wie Albert Camus gesagt hat, die Aufgabe der denkenden Menschen, nicht auf der Seite der Henker zu stehen.
Wenn man aus solch einer Perspektive versucht, die Geschichte der USA zu schreiben, kommt eine völlig andere Erzählung heraus als jene, die man so lange schon als bekannt voraussetzt. Sie ist eine zutiefst verschreckende Beschreibung einer Gesellschaft, die auf fortwährender Unterdrückung und Ausbeutung der breiten Bevölkerung beruhte, und in der der amerikanische Traum schon ganz zu Beginn die Vision einer wohlsituierten Minderheit war, die sich nur daran interessiert zeigte, ihre Privilegien zu sichern.
Mörder auf Amrum
Wo bringt man eine vom BKA versteckte Zeugin unter, wenn ihre beiden Beschützer gerade ermordet wurden?
Polizist: Bei mir im Haus? Da ist es doch viel zu knapp!
Chef: Aber nicht so knapp wie bei mir. Und mmh - ich meine, die Pythons reagieren komisch auf Besuch.
Zeugin: Sie halten hier Schlangen?!
Chef: Ja. (Mit einem Achselzucken) Bin ja Witwer.
Ausnahmsweise gucke ich heute Fernsehen - wenn auch via ZDF-Mediathek. „Mörder auf Amrum” ist ein schwarzer Krimi mit viel norddeutscher Atmosphäre - und Barbara Rudnik (* 27. Juli 1958; † 23. Mai 2009) in ihrer letzten Rolle.
Lost
Bei einem Flugzeugabsturz gibt es achtundvierzig Überlebende, die sich auf einer von Dschungel überwucherten Insel mitten im Südpazifik wiederfinden. Anfangs erwarten sie, daß jede Stunde Hilfe auftaucht; nach einigen Tagen wird aber klar, daß die Funkverbindung zwischen Flugzeug und Tower mehr als zwei Stunden vor dem Absturz abbrach, und niemand weiß, wo sie sind. So gut es geht, richten sie sich am Strand ein, und versuchen, zu überleben.
Soweit ist das ein klassisches Setting irgendwo zwischen Robinsonade und „Herr der Fliegen“, wobei aber recht bald mehrere Abweichungen vom Schema deutlich werden. Zum einen verdankt sich dies der Struktur der Erzählung, die nicht einfach linear die Ereignisse auf der Insel wiedergibt, sondern immer wieder in die Vergangenheit zurückspringt und über die Herkunft der Gestrandeten berichtet. Dabei beschränken sich die Autoren nicht mit einer oder zwei Hauptfiguren - „Lost“ hat (ursprünglich) ein Hauptcast von nicht weniger als vierzehn Darstellern, deren Figuren alle ausgiebig ausgeleuchtet und charakterisiert werden.
Zum zweiten ist die Insel ein Ort, an dem außerordentlich bizarre Dinge geschehen: es gibt ein ominöses Monster, das gleich im Pilotfilm eine vermeidliche Hauptfigur tötet; man fängt einen Notruf auf, der von der Insel selber kommen muß und über dessen Urheber längere Zeit gerätselt wird; es finden sich unter den Überlebenden am Strand Menschen, die niemand zuvor an Bord des Flugzeugs gesehen hat; etc.
„Lost“ ist 2004 gestartet, und befindet sich z.Zt. In der sechsten, finalen Staffel. Die erste und zweite Staffel fand ich zuerst richtig spannend – nicht zuletzt aufgrund des durchaus originellen Erzählprinzips. Irgendwann hatte ich dann aber das Gefühl, mich in einem Computer-Adventure zu befinden, in dem es nur darum geht, immer mehr merkwürdige Dinge auf der Insel zu finden und das Rätsel ihrer Bedeutung zu lösen – mit dem Unterschied, nicht selber über das Geschehen bestimmen zu können, sondern bloß passiv zuzuschauen.
Ich habe kürzlich dann doch mit der dritten Staffel begonnen, weil der Cliffhanger am Ende der zweiten doch allzu sehr an meinen Nerven zerrte – und habe mich in einem Marathon wiedergefunden, in dem ich meinen diesjährigen Resturlaub aufgebraucht und in 3½ Tagen Staffel drei und vier komplett (insgesamt 38 Folgen a 40min) angesehen habe. Als wäre das nicht genug, mußte ich gerade die fünfte Staffel ordern, obwohl die DVD-Box noch viel zu teuer ist. Mit anderen Worten: ich habe mich in einen jener bedauernswerten „Lost“-Süchtigen verwandelt, die es nicht erwarten können, die nächsten Andeutungen und Hinweise zu bekommen, die vielleicht eines der zahlreichen Rätsel und offenen Enden lösen könnten.
Zu meiner Verteidigung kann ich sagen, daß es seit der dritten Staffel wirklich hervorragend konstruierte Folgen gibt, die, trotz der Sprünge zwischen den zeitlichen Ebenen, in sich selbst durchgängig stimmen. Aber auch für das übergeordnete Setting werden stets wichtige Weichen gestellt, ohne in Nebenhandlungen abzugleiten, nur um den Sendeplatz zu füllen (letzteres ist in den ersten beiden Staffeln öfters der Fall). Wenn eine Folge einmal besonders auffällt, dann stets in positivem Sinn – mir ist jedenfalls, nicht wie sonst, kein negativer Ausreißer begegnet.
Ich bin ein entschiedener Gegner der deutschen Angewohnheit, Filme zu synchronisieren, und in „Lost“ findet sich ein gutes Beispiel, warum. Sun und Jin sind ein koreanisches Ehepaar, wobei nur Sun englisch spricht. Untereinander reden die beiden in ihrer Muttersprache, und Sun muß für ihren Ehemann übersetzen. In der synchronisierten Fassung läuft das darauf hinaus, daß Sun mit zwei verschiedenen Stimmen spricht – dem Original, und der deutschen Synchronsprecherin. Dabei habe ich darauf verzichtet, noch einmal nach einer jener Stellen zu suchen, in denen Jin langsam englisch lernt – wie die Synchronisation mit diesem Problem umgeht, will ich gar nicht wissen. Von den üblichen Unstimmig- und Peinlichkeiten will ich nicht erst anfangen – Sawyer nennt Kate wahrscheinlich „Sommersprößchen” (orig: Freckles), wobei ich mich jetzt doch frage, wie man das wohl lippensynchron hinbekommt.
Vorsicht, Spoiler: Einen Höhepunkt stellt das Ende der dritten Staffel dar. In den „Flashbacks“ bekam man bis zu diesem Zeitpunkt immer eine neue Sicht auf eine zentrale Figur. Jetzt wird diese Erwartungshaltung bis zur kompletten Verwirrung ausgenutzt: Jack Shephard – der Arzt, der zum Anführer der Verschollenen wurde und bislang als nahezu ungebrochener Held erscheint – hat plötzlich einen Bart, ein erhebliches Alkoholproblem, und suizide Tendenzen. In der letzten Szene wird dann klar, daß hier nicht von Shephards Vergangenheit erzählt wurde, sondern man es mit einem „Flash Forward“ auf die Zeit nach der Rettung von der Insel zu tun hat.
Diese Blicke in die Zukunft tragen dann auch die Erzählstruktur der kompletten vierten Staffel – und ich bin gespannt, was die fünfte hier zu bieten hat.
(Der Eintrag in der Wikipedia ist eine echte Referenz zum Thema.)
Avatar
| Buch & Regie: | James Cameron |
| Darsteller: | Sam Worthington, Zoë Saldaña, Sigourney Weaver, Stephen Lang, Michelle Rodríguez |
| Musik: | James Horner |
Auf dem Planeten Pandora bauen die Menschen ein seltenes und teuer gehandeltes Erz ab, wobei sie es mit einer höchst ungemütlichen Umwelt zu tun haben. Die Atmosphäre ist toxisch, und es wimmelt von aggressiven, fleischfressenden Tieren. Als wäre das nicht genug, gibt es noch die Na'vi, eine humanoide Spezies, die zwar über den Gebrauch von Pfeil und Bogen nicht hinausgekommen ist, sich dennoch energisch gegen das Vordringen der Menschen wehrt. Man versucht, sich ihnen zu nähern, indem man Klone zu ihnen schickt, die aussehen wie sie, aber vom temporär transferierten Bewußtsein eines Menschen gesteuert werden. Den Na'vi ist jedoch durchaus klar, daß sie mit ferngesteuerten Abgesandten der „Skypeople“ konfrontiert sind – sie nennen sie „Dreamwalker“ und wollen nichts mit ihnen zu tun haben.
Einer jener Dreamwalker wird von Jack Sully gelenkt, einem Corporal der US-Marines, der nach einer Kriegsverletzung mit gelähmten Beinen im Rollstuhl sitzt. Bei einer Forschungsexpedition im Körper seines Avatars (in dem er nicht nur gehen, sondern extrem schnell rennen kann) wird er vom Rest seiner Gruppe getrennt, und findet sich in der Nacht allein im Kampf gegen ein Rudel wolfsähnlicher Tiere. Hart bedrängt, wird er von der Na'vi Neytiri gerettet, die ihn zu ihrem Stamm führt. Dort beschließt die Gemeinschaft, es Jack zu erlauben, ihre Welt genauer kennen zu lernen. Nachdem er anfangs noch als Spion arbeitet, der seinem Colonel regelmäßig Bericht erstattet, gerät er nach und nach in den Sog einer Zivilisation, die in hohem Grad in Einklang mit ihrer Umwelt lebt.
Neytiri
… und die Darstellerin der Figur,
Zoë Saldaña
Der Film ist mit Produktionskosten von geschätzten 300 Millionen Dollar der bislang teuerste Film überhaupt. Dabei übertreffen die Special-Effects alles, was es bislang im Kino zu sehen gab. So sind die Gestalten der Na'vi im sog. Motion-Capture-Verfahren aufgenommen, bei dem die Performance von realen Schauspielern im Computer nachgearbeitet wird. Das Resultat sind Figuren, die geradezu atemberaubend natürlich agieren, obwohl sie von den menschlichen Originalen erheblich abweichen. Nicht nur das: auch die gesamte Umwelt – Wälder, Tiere, die fliegenden Berge – sind pure Phantasie, ohne künstlich zu wirken. Im Abspann werden dann auch (geschätzt) mehr als 1000 Namen von Mitarbeitern genannt, die zu großen Teilen mit der Technik beschäftigt waren.
Ursprünglich hatte ich vermutet, daß es sich hier nur um eine weitere Variante des Pocahontas-Themas handelt – Eroberer trifft edle Wilde und verliebt sich in die Tochter des Häuptlings, nur eben mit aufwendigen Effekten –, und bin allein aus Interesse an der Filmtechnik ins Kino gegangen. Tatsächlich sehen die Kritiken, die ich gelesen habe, das genau so, und bemängeln, bei allem Lob für die Leistung der Technik, die schwache Story.
Ich kann mich dieser Sicht jedoch nicht länger anschließen. Ich habe den Film zweimal gesehen, zuerst in deutscher Synchronisation und in 3D, am Tag darauf im englischsprachigen Original in herkömmlichem 2D, und mich in den jeweils 160 Minuten keine Sekunde gelangweilt. Dafür ist der hohe Schauwert der Effekte sicherlich einer der Gründe – wobei der Spaß an der 3D-Projektion bei mir relativ rasch zuende war, und auch die überaus farbenprächtige Welt auf Pandora irgendwann selbstverständlich wurde. Irgendwie muß das anhaltende Interesse demnach schon mit der Erzählung zu tun haben, und das bezieht sich nicht auf die eher magere Storyline vom Kampf der naturverbundenen Aliens gegen die fiese Menschheit, und auch nicht auf die reichlich stereotyp gezeichneten Charaktere.
Der entscheidende Punkt ist die Konstruktion der Begründung für die Integration der Na'vi in ihre Welt. Das sind eben keine esoterischen Spinner, die in ihrer Not nicht anders können, als an die mystische Verbundenheit alles Lebenden zu glauben. Vielmehr sind es biologisch erklärte Phänomene, die eine unmittelbare Erfahrung dieser Verbundenheit ermöglichen: jedes Lebewesen auf Pandora verfügt über einen nach außen verlegten Nervenstrang, mit dem es sich mit einem anderen Lebewesen verbinden kann. Auf diese Weise bildet der Reiter mit seiner Kreatur eine echte Einheit, die er mental steuert – sofern diese das will und ihn vorher auserwählt. Auch der Wald ist am Leben: alle Pflanzen haben Nervenzellen und sind miteinander verbunden, wobei es den Na'vi möglich ist, sich in dieses Netzwerk einzuklinken. Der Glaube der Mystik, daß alles Lebendige einen gemeinsamen Kern hat, ist hier eine biologische Tatsache, die den Hintergrund für die Biogenese des gesamten Planeten bildet.
Wenn man sich vor Augen hält, daß mystisches Denken in der gesamten Menschheitsgeschichte und quer durch alle Religionen eine wichtige Rolle spielt, und möglicherweise die einzige Konstante darstellt, die sämtliche Gesellschaften quer durch alle Zeiten und Erdteile verbindet, bekommt man eine Vorstellung, warum der Weltentwurf in „Avatar“ für den Zuschauer solch eine zwingende Kraft bekommen kann. Hier fallen naturwissenschaftliches Denken und mystische Gewißheit zusammen. An der Welt der Na'vi kann man weder mit naturwissenschaftlichem Positivismus, noch spiritueller Phantasie zweifeln – man kann sich nur in sie verlieben.
Diese Zusammenhänge weiß auch der Film. Es gibt eine Sequenz, in der Jack seinem Na'vi-Stamm die ursprünglichen Motive seines Handelns beichtet. Einen Moment dachte ich, jetzt kommt doch die Pocahontas-Thematik in Reinform: Jack sagt (sinngemäß): „Then I fall in love...“, und ich hatte befürchtet, er wendet sich jetzt an Neytiri, „...to the forest, to the whole planet..“, und erst jetzt sieht er die Frau an, „...and you“. Pocahontas/Neytiri kommt erst an dritter Stelle, und auch das ist im Zusammenhang eine mystische Erfahrung.
Der zentrale Satz im Film lautet: „I see you“, und das bezieht sich nicht auf die einfache Form des Sehens, sondern auf die Wahrnehmung der kompletten, zuerst fremden Person (und ist damit auch durch „I love you“ nicht ersetzbar). Gegen Ende des Films gibt es eine Begegnung zwischen Neytiri und dem realen Jack Sully – das drei Meter große, blauhäutige und katzenhaft geschmeidige Alien sagt den Satz zu einem auf dem Boden liegenden, gelähmten Mann, den nur eine Atemmaske vom Ersticken trennt. Für mich ist dies eine der bewegendsten Szenen, die das Kino vorzuweisen hat, und meilenweit entfernt von jedem Klischee. Ein Zyniker mag dies anders sehen.
Torchwood
Im Pilotfilm zur Serie begegnet man der Polizistin Gwen Cooper, die am Schauplatz eines Mordes ermittelt. Dort fährt ein Transporter vor, dem ein Trupp von vier Leuten entsteigt und die Ermittlung an sich reißt: dies sei „Torchwood”, heißt es lapidar. Gwen läßt sich nur höchst widerwillig beiseite drängen, und findet eine Möglichkeit, dem Treiben der geheimnisvollen Gestalten zuzuschauen. Was sie dort sieht, kann sie nicht recht glauben: das Mordopfer wird mit einem eigenartigen Handschuh wieder ins Leben gerufen, damit es eine Aussage macht - worauf man es wenige Minuten später wieder sterben läßt. Gwen gibt keine Ruhe, und schafft es schließlich, das Hauptquartier von Torchwood aufzuspüren. Der Chef der Einheit, Captain Jack Harkness, fragt sie schließlich, ob sie Mitglied einer Organisation werden will, die verdeckt und jenseits jeder Legalität Aliens aufspürt und bekämpft.
Torchwood[1] ist ein Anagramm auf „Doctor Who“ und ein Spinn-Off dieser seit 1963 im UK laufenden Serie. Die Hauptfigur, Captain Jack Harkness, ist ursprünglich ein Companion des Doctors, der in der Zeit zurückgeworfen wurde und auf der Erde festsitzt. Dabei hat er ein gewisses Problem: er kann nicht sterben. Um sich die Langeweile zu vertreiben, läßt er sich schon im 19.Jh von Torchwood anwerben, und übernimmt dort schließlich das Kommando.
Die ersten beiden Staffeln der Serie bestehen aus jeweils in sich geschlossenen Episoden, wobei – neben dem Kampf gegen sehr unterschiedliche Formen außerirdischen Lebens – die Entwicklung der Charaktere im Zentrum steht. Das sind allesamt keine strahlenden Helden, sondern normale Menschen, die ständig an ihre Grenzen und darüber hinaus gestoßen werden. Sie stehen nicht nur immer wieder vor Entscheidungen, bei denen es schwer oder unmöglich ist, einen „richtigen“ Weg zu finden, sondern müssen mit ihren eigenen Sehnsüchten und Wünschen fertig werden. Gemeinsam ist allen Figuren das Leiden an einer ganz grundlegenden Einsamkeit. Gwen ist die einzige im Kreis, die über ein Leben jenseits von Torchwood verfügt und einen Verlobten hat. Ihm gegenüber muß sie jedoch verheimlichen, was sie bei ihrer Arbeit tut, und wird von der Not ständiger Lügen fast zerrissen. - Es gibt zwei oder drei eher schwächere Folgen, was aber durch einige wirklich grandiose Settings und Geschichten mehr als aufgewogen wird.
Die dritte Staffel hat nur fünf Folgen, und erzählt eine zusammenhängende Geschichte. Torchwood wird plötzlich von Polizei und Militär verfolgt, und ist in einem alptraumhaften Geflecht aus politisch motivierter Verschwörung verstrickt. In den geschilderten Ereignissen bleibt keine der Figuren unschuldig, und es gibt nicht einen einzigen Helden – selbst der vorher weitgehend so strahlende Jack Harkness wird zu einer Gestalt, der man ihr Handeln nicht verzeihen kann. - U.a. gibt es eine Erzählung, die damit endet, daß ein Vater erst seine Frau und beiden Kinder erschießt, bevor er sich selber das Leben nimmt, die eine derart brutal zwingende Logik hat, daß ich sie nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Wer die Serie gesehen hat und nicht mit den Tränen kämpfen muß, wenn man „Item Thirty-One“ erwähnt, hat kein Herz.
- [1] „The Torchwood Institute has a motto. »If it's alien, it's ours.« Anything that comes from the sky, we strip it down and we use it, for the good of the British Empire.“ (Doctor Who, Army Of Ghosts)
EXTERMINATE!
Momentan stecke ich mitten in der ersten Staffel „Torchwood”. Die DVD-Box habe ich weitgehend unbesehen gekauft, im Vertrauen darauf, daß ich mit Science Fiction eigentlich immer etwas anfangen kann, auch wenn das arg in Richtung Trash tendiert (ich habe in meinem Bücherregal nicht nur die gesammelten Werke von Philip K. Dick und Stanislaw Lem stehen, sondern auch die Groschenromane aus dem „Golden Age” des Science Fictions der 20er und 30er Jahren). Wie es der Zufall will, bleibt es bei „Torchwood” aber nicht bei billiger Unterhaltung. Ich habe von Folge zu Folge immer mehr das Gefühl, auf eine echte Perle gestoßen zu sein - das ist eine richtig originelle und fast schon geniale SciFi-Serie. Dabei geht es hier nicht so sehr um technisches Zukunftszeug. Das Geschehen driftet gelegentlich ins Mystery- oder sogar Horrorgenre ab, wobei die menschlichen Beziehungen zwischen den Protagonisten und ihre emotionalen Reaktionen auf die bizarren Ereignisse und Herausforderungen im Zentrum stehen (Philip K. läßt schön grüßen). Es gibt hier keine Gestalt, die stets einwandfrei auf der Seite des „Guten” steht, sondern alle Figuren bewegen sich in einer Grauzone und laden früher oder später Schuld auf sich, für die es keine Rechtfertigung gibt.
Ich habe kürzlich das Thema gegoogelt, und war durchaus verblüfft, daß „Torchwood” das Spin-Off einer Science-Fiction-Serie ist, die bei der BBC seit mehr als 45(!) Jahren läuft: „Doctor Who”[1]. Im UK ist das offensichtlich eine Institution, deren Mythen und Gestalten dort jedermann kennt. In Deutschland weiß davon aber kaum jemand - selbst wenn er, wie ich, fast alles, was auch nur entfernt nach Science Fiction riecht, ziemlich unkritisch in sich aufsaugt. Der Doctor (der sich immer nur als „The Doctor” vorstellt, worauf stets die Frage folgt: „Doctor Who?”) gehört zur Rasse der Time Lords, und reist in der TARDIS - einem Gefährt, das längst nicht immer zuverlässig funktioniert - durch Raum und Zeit. Sein Raumzeitschiff sieht aus wie eine Londoner Notrufzelle der 50er Jahre (wobei sie innen viel größer ist, als das von außen scheint), wodurch es prima getarnt ist, wenn es mal wieder mitten im Zentrum von London landet. Ein Time Lord kann auch sterben, das aber bis zu zwölf mal, wonach er jeweils in einer neuen Gestalt aufersteht. Die neue Inkarnation hat dann zwar noch die Erinnerungen, aber ein jeweils neues Aussehen und auch einen anderen Charakter als der Vorgänger. Aktuell hat es das britische Fernsehpublikum mit dem zehnten Doctor zu tun.

Daleks:
UK-Briefmarke
Der Doctor hat zahlreiche außerirdische Feinde, und die berühmtesten sind die Daleks. Als sie 1963 zum ersten Mal im Fernsehen auftauchten, war eine Rasse von Aliens, die überhaupt nichts menschliches mehr an sich hat, eine echte Neuheit - selbst wenn dies heute unfreiwillig komisch wirkt. Das ist aber für eine SciFi-Serie der 60er, mit den limitierten technischen wie finanziellen Ressourcen, nicht ungewöhnlich - man denke nur an Germany 1966 und „Raumpatrouille Orion”. Hinzu kommt, daß „Doctor Who” sich an die ganze Familie richtet[2]. Die erste Staffel war sogar komplett für das Kinderprogramm konzipiert, mit dem Hintergedanken, dem Nachwuchs historische Gestalten und Zusammenhänge via Unterhaltung unterzuschieben. Heute sind die Daleks Bestandteil der Alltagskultur in Großbritannien, und wenn jemand durch die Gegend läuft und - mit möglichst metallischer Stimme - „Ex-ter-mi-nate” oder „O-bey” ruft, weiß jedes Kind, was damit assoziiert ist. Es gibt sogar eine Briefmarke, auf der die außerirdischen Killermaschinen darstellt sind.
An Deutschland ist der ganze Wirbel - besser: diese ganze Welt - komplett vorbei gegangen. Die BBC hat die 1989 unterbrochene Serie 2005 wieder aufgenommen, und von den vier seitdem produzierten Staffeln hat Pro7 die ersten beiden irgendwo im Nachmittagsprogramm gut genug versteckt, um zu verhindern, daß sie irgendwie wahrgenommen werden.
Glücklicherweise gibt es ja DVDs. Die ersten beiden Folgen der ersten Staffel habe ich gerade angesehen - ein Bericht folgt[3].
Beim SF-Radio findet sich mehr zum Thema (u.a. ein Serienguide durch sämtliche Staffeln).
Bei YouTube gibt es endlos Material, u.a. diesen Clip:
- [1] „Torchwood” ist überdies ein Anagramm auf „Doctor Who”.
- [2] Im Gegensatz zu Torchwood, das im Spätprogramm gesendet wird und sich ausschließlich an Erwachsene richtet.
- [3] Vorsicht: auf den Ausgaben der DVDs von der deutschen BBC findet sich zwar eine deutsch-synchronisierte Fassung, dafür wurden die Untertitel gestrichen (auch die englischen). Bei dem Sprachtempo und vor allem den verschiedenen englischen Dialekten habe ich da keine Chance, mitzukommen, und bin auf die UK-Importe ausgewichen (englische Sprachspur mit englischen Untertiteln…).
Eine kleine Typologie der Fernsehserie (5)
Der entscheidende Grund, aus dem ich Serien nie im Fernsehen, sondern immer auf DVD sehe, entspricht dem, der mich seit geraumer Zeit vom Kino fernhält: die deutsche Angewohnheit, Film wie Fernsehen zu synchronisieren. Dabei gibt es zwei Punkte, die begründen, warum ich die Originalfassung vorziehe. Zum einen ist das die häufig durchaus fragwürdige Qualität der Übersetzung; zum zweiten - entscheidend - der gewaltsame Eingriff in den Sound einer Produktion, den eine Synchronisation notwendig mit sich bringt.
Synchronisierte Filme tendieren dazu, in einer merkwürdig gestelzten Sprache zu sprechen. Dabei ist die originale Fassung meistens in einem alltäglichen Englisch (von anderssprachigen Filmen kann ich hier leider nicht reden). Viele Wendungen lassen sich aber nur schwer so übersetzen, daß sie im Deutschen noch einen Sinn ergeben - von bestimmten Sprachspielen, die in Amerika gängig sind, hierzulande jedoch keine Entsprechung finden, ganz zu schweigen. Hinzu kommt, daß eine deutsche Übersetzung regelmäßig deutlich länger ist als das englischsprachige Original. Das spielt dann eine Rolle, wenn eine Synchronisation Kompromisse bei der Sinnhaftigkeit der Übersetzung eingehen muß, wenn sie synchron mit den Lippenbewegungen der Schauspieler gehen soll.
Für mich letztlich entscheidend ist jedoch die Veränderung am Klangbild eines Filmes in seiner eingedeutschten Version. Wenn man - ohne auf den Sinn zu achten - beim Abspielen einer DVD die Sprache hin und her schaltet, kann man hören, wie in der originalen Fassung die Stimmen mit dem Rest des Soundtracks eine gewisse Einheit bilden, wo sie in der deutschen Fassung die Sprache höhenlastig und spitz aus der akustischen Umgebung herausfallen. Irgendwie scheint es da einen grundsätzlichen Konflikt zwischen den Toningenieuren in der Philosophie vom Klang der Stimme zu geben - die englischen Sprachspuren sind jedenfalls fast ausnahmslos mittenlastiger als ihr deutsches Gegenstück. Hinzu kommt - wohl entscheidend -, daß sich im Original die direkt am Set entstandenen Tonspuren mit den Nachvertonungen im Studio mischen lassen.
Wie dem auch sei - ich finde es jedenfalls immer wieder bestürzend, wie artifiziell und künstlich eine synchronisierte Fassung klingt, und wie lächerlich die Darsteller oftmals wirken. Tatsächlich gehört ja zu einem Schauspieler immer auch dessen Stimme, und die Art seines Sprechens trägt mindestens ebenso zu seiner Performance bei, wie Mimik und Körperhaltung. Wenn man ihm eine andere Stimme (nicht: Sprache) überstülpt, enteignet man ihn förmlich, und nimmt ihm einen wichtigen Aspekt seiner Persönlichkeit - ja verwandelt ihn nicht selten in eine Karikatur seiner selbst.
Gerade bei Fernsehserien verschärfen sich diese Probleme, weil dort billig und eilig produziert werden muß. Die Qualität der Übersetzungen ist hier ein echtes Problem (ganz zu schweigen davon, daß regelmäßig Spielereien des Originals mit Fremdsprachen unter den Tisch fallen). Hinzu kommt, daß die Synchronsprecher nicht unbedingt zur Elite ihres Berufsstandes gehören, und mit schöner Regelmäßigkeit über austauschbare, leicht miteinander verwechselbare Stimmen verfügen.
Mittlerweile sehe ich auch französische - selbst japanische oder koreanische - Filme im Original mit Untertiteln. Für den Umstand, kein Wort zu verstehen, wird man m.E. mehr als nur entschädigt, weil man den Film so sieht, wie man ihn selber versteht, und nicht so, wie ein Synchronstudio ihn verstanden haben will.