Alin Coen Band
Die „Alin Coen Band” habe ich bisher nicht gekannt. Schon der erste Song ist wirklich toll – wunderbare Gitarren (man kann an dem Beispiel sehr schön hören, wie wichtig die „Voicings” sind, selbst wenn die zu Grunde liegenden Akkorde sehr einfach sind), eine interessante Stimme, und – imho besonders bemerkenswert – ein deutscher Text, der ausnahmsweise mal weit entfernt von peinlich ist.
Der Live-Mitschnitt von SAT3 ist lang, hat aber keine Längen. Das ist das erste Mal, daß ich über „Pop in deutscher Sprache” stolpere, den ich uneingeschränkt (Stimme, Kompositionen, Umgang mit den Instrumenten, Texte) hörenswert finde.
Von Alin Coen gibt es bei Amazon zwei CDs zu kaufen (Wer bist Du?; Einer will immer mehr). Ich habe sie eben bestellt, und werde berichten.
(Via Lud Brönneke)
Netzwerkprodukte (32)
One reason programmers dislike meetings so much is that they're on a different type of schedule from other people. Meetings cost them more.
There are two types of schedule, which I'll call the manager's schedule and the maker's schedule. The manager's schedule is for bosses. It's embodied in the traditional appointment book, with each day cut into one hour intervals. You can block off several hours for a single task if you need to, but by default you change what you're doing every hour.
[…]
Most powerful people are on the manager's schedule. It's the schedule of command. But there's another way of using time that's common among people who make things, like programmers and writers. They generally prefer to use time in units of half a day at least. You can't write or program well in units of an hour. That's barely enough time to get started.
(Paul Graham: Maker's Schedule, Manager's Schedule[1]).
Die Arbeit eines Programmierers besteht keinesfalls darin, eine Zeile Sourcecode an die andere zu fügen, um am Ende des Tages eine bestimmte Funktionalität fertig zu haben, die der Compiler dann – womöglich noch über Nacht – in lauffähige Maschinensprache übersetzt. Der Prozeß dieser Arbeit ist wesentlich komplizierter und unberechenbarer, als ein Außenstehender wohl vermutet.
Eine Zeile Code darf – zunächst auf syntaktischer Ebene - keinen einzigen Fehler aufweisen. Das führt dazu, daß man in den meisten Fällen immer wieder den Compiler anwirft, um die Syntax von ihm überprüfen zu lassen. Auch erfahrene Programmierer müssen sehr aufmerksam hinschauen, wenn der Compiler seine Fehlermeldungen ausspuckt: dort wurde statt einem Komma ein Doppelpunkt gesetzt; an anderer Stelle eine Klammer zuviel oder zuwenig; woanders kennt der Compiler eine Referenz auf ein externes Symbol nicht, weil man vergessen hat, es zu deklarieren, usw.usf. Meist wird man nach wenigen Minuten aus der „eigentlichen“ Arbeit, dem ursprünglichen Gedankenfluß, herausgeworfen, und muß etwas korrigieren.
Selbst wenn der Compiler mit dem einverstanden ist, was im Sourcecode steht, ist nicht gesagt, daß dieser tut, was er soll. Man übersetzt wieder und wieder das komplette Programm, läßt es laufen, und testet es. Im besten Fall kann man automatisierte Tests abfeuern. Nicht selten muß man jedoch im Debugger den eben geschriebenen Code mehr als nur einmal Zeile für Zeile durchgehen, unter immer neuen Ausgangsbedingungen – die man im schlimmsten Fall im Userinterface des laufenden Programms erst herstellen muß.
Schreiben von Code und der Test, ob er korrekt ist, geht also Hand in Hand – auf verschiedenen Ebenen, aber fast immer in relativ kurzen Zyklen. Wenn man mit einem Problem beschäftigt ist, das auch nur triviale Komplexität aufweist, braucht man jedoch eine ganze Reihe solcher Zyklen, um es letztlich zu lösen. Wenn man ununterbrochen arbeiten kann, ist es möglich, die einzelnen Ebenen im Kurzzeitgedächtnis zu behalten. Während der Compiler die Syntax checkt, kann man kurz darüber nachdenken, wie die nächste Zeile Code aussehen müßte, und kann sie gleich hinschreiben, wenn der Compilerlauf erfolgreich war. Schon dann ist es ärgerlich, wenn man erst dumme Schnitzer ausbessern muß, wie etwa den falsch geschriebenen Namen einer Variablen[2].
Jede längere Unterbrechung bedeutet dann, daß man sich bei der Wiederaufnahme der Arbeit nur noch an die Sachen erinnert, die im Langzeitgedächtnis gelandet sind – und da ist man dann auf einer ganz anderen, mitunter sehr frustrierenden Ebene unterwegs, weil das, was man gerade noch gewußt hat, verloren ist, obwohl man sich genau daran erinnert, daß man es eben noch wußte. Um auf sie zurück geworfen zu werden, reicht oft schon eine Ablenkung von wenigen Minuten – von einem ein- oder mehrstündigen Meeting ganz zu schweigen.
- [1] Es lohnt sich sehr, in Grahams Sammlung von Essays ein wenig zu stöbern. „Hackers and Painters” ist mE. ein Klassiker, den jeder kennen sollte, der sich für die Kunst der Programmierung interessiert.
- [2] Das ist übrigens mE. ein zentraler Grund, warum Tools bei der Programmentwicklung eine gewichtige Rolle spielen, die schon im Vorfeld darauf hinweisen, daß man sich gerade verschreibt – und ein Grund dafür, daß die Rechtschreibprüfung in Textverarbeitungen ausnahmslos so vorzüglich funktioniert (die Programmierer haben hier aus purem Eigeninteresse gute Arbeit geleistet).
Wenn die Sonne untergeht
Wenn die Sonne untergeht, bleibt die Erinnerung vom Tag
und wenn die Böller losgehen und das Feuerwerk die vom Jahr
und wenn ich aufwache und keinen Vater mehr habe die von der Kindheit
und wenn die Nacht kommt die von der Sonne
und alles ist gut.
Alles ist gut
alles Momente voll Freude, so gut oder schlimm sie waren
denn ich erinnere mich.
Dann das Erschrecken, wenn was ist Erinnern ist.
Userinterfaces (6)
Jede technische Innovation geht erst dann in die Breite, wenn sie nicht nur problemlos funktioniert, sondern auch einfach zu bedienen ist. Das ist bei Autos nicht anders als im Bereich von Computersoftware. Noch in den 60ern mußte man sich richtig mit seinem Fahrzeug auskennen, um nicht unvermittelt mit ihm liegen zu bleiben; auf das Internet Anfang/Mitte der 90er hatten nur Spezialisten Zugriff; etc.
Man sollte aber einen zweiten Punkt nicht übersehen. Wenn ich ein Familienauto verkaufen will, muß es einfach zu bedienen sein. Wenn ich jedoch einen Rennwagen baue, ist einfache Bedienbarkeit nur eine Anforderung. In erster Linie muß dieses Auto dem Fahrer alle Option geben, das Limit aus ihm herauszuholen. Das geht nicht ohne ein gewisses Maß an Komplexität im Userinterface – man muß sich nur einmal das Lenkrad eines Formel-1-Autos ansehen, um dafür ein Gefühl zu bekommen. Auch hier geht es natürlich nicht ohne erheblichen Aufwand beim Design der Bedienelemente – schließlich muß der Fahrer auf die Strecke schauen, und nicht auf die Knöpfe am Lenkrad. Es geht hier also nicht in erster Linie um Einfachheit, sondern Ergonomie bei der Bedienung, wobei man in Kauf nimmt, daß es eines gewissen Trainings bedarf, diese Bedienung zu erlernen. – Aber das ist jetzt genug mit Autometaphern.
Was ich sagen will: wenn man neue Sachen in der Software-Entwicklung ausprobiert, hat man nicht automatisch die richtigen Abstraktionen zur Hand, die dem User (und auch dem Programmierer) das Handwerk einfach machen. Wenn man dann noch die Kosten in der Entwicklung berücksichtigen muß (und nicht etwa mit einem Release Jahre warten will, weil man noch zahllose Iterationen bräuchte, um ein Feature „richtig” zu bekommen), hat man öfters nur zwei Möglichkeiten: man nimmt eine gewisse Komplexität hin, weil man dem User bestimmte Möglichkeiten nicht nehmen will; oder man streicht gewisse Optionen (indem man z.B. eine Auswahl durch einen Defaultwert ersetzt). Ich bin dann (nur dann, unter den oben genannten Restriktionen) eher geneigt, ein Menu mehr anzubieten, als es für ein sauberes Interface „richtig” wäre.
Ich bin überzeugt, die Mehrheit der User teilt meinen Standpunkt.
Ökonomie steht vor totaler Neuorientierung
Beim ersten Mal hat es fast sieben Jahre gedauert. So viel Zeit verstrich zwischen dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise im Herbst 1929 und dem Erscheinen der "Allgemeinen Theorie" von John Maynard Keynes im Jahr 1936. Der britische Nationalökonom rechnete darin grundlegend mit seinen Fachkollegen ab.
Die bis dahin gängigen Theorien seien allesamt nicht in der Lage, die Große Depression zu erklären und könnten der Politik keine Auswege weisen. "Die orthodoxe Wirtschaftslehre", urteilte Keynes im Vorwort seines Werkes barsch, "ist auf der falschen Fährte." Das Fach müsse nichts weniger als "aus den alten Denkmustern ausbrechen". In der "Allgemeinen Theorie" legte Keynes die Basis für ein neues Paradigma, das das Fach drei Jahrzehnte lang beherrschen sollte.
Heute, ein gutes Dreivierteljahrhundert später, steckt die Wirtschaftswissenschaft nach Ansicht vieler Beobachter in ganz ähnlichen Problemen: Die 2007 ins Rollen gekommene Finanz- und Wirtschaftskrise führte die Welt nicht nur an den Rand einer zweiten Großen Depression. Sie hat auch eine zunehmend hitzige Debatte darüber angefacht, ob wichtige Teile der Volkswirtschaftslehre auf dem falschen Gleis unterwegs waren.
Immerhin: das kann man heute im Handelsblatt lesen. Von „hitzigen Debatten” sehe ich allerdings nur wenig.
Wie die Uni-Ökonomen versagen
Im Jahre 2002 erschien im Journal of Political Economy ein Artikel mit dem vielversprechenden Titel "A Theory of Prostitution". Zwei Ökonominnen, Lena Edlund und Evelyn Korn beschäftigen sich darin mit einem "hochinteressanten" Phänomen: Prostitution ist eine Tätigkeit, die keine Ausbildung braucht, arbeitsintensiv ist und hauptsächlich von Frauen durchgeführt wird. Und trotzdem, und jetzt kommt das Rätsel, sind Prostituierte im Durchschnitt gut bezahlt. Wie kann das sein?[…]
Aber das Naheliegende ist natürlich viel zu einfach. Die "Freude am Sex mit einer jungen Frau" als Hauptmotiv für die Nachfrage kommt im Artikel gar nicht vor. Stattdessen zerbrechen sich die Autorinnen den Kopf, warum verheiratete Männer zu Prostituierten gehen, obwohl sie Sex doch billig zu Hause haben könnten.
Ich verlinke den Beitrag ohne eigene Meinung – ob das nur billige Polemik oder doch eher ein gutes Beispiel für das Versagen der ökonomischen Wissenschaften ist, kann ich nicht entscheiden (ich tendiere zu Letzterem).
David Graeber: On the Invention of Money
[…] Just in way of emphasis: economists thus predicted that all (100%) non-monetary economies would be barter economies. Empirical observation has revealed that the actual number of observable cases—out of thousands studied—is 0%. […]
What anthropologists have in fact observed where money is not used is not a system of explicit lending and borrowing, but a very broad system of non-enumerated credits and debts. In most such societies, if a neighbor wants some possession of yours, it usually suffices simply to praise it (“what a magnificent pig!”); the response is to immediately hand it over, accompanied by much insistence that this is a gift and the donor certainly would never want anything in return. In fact, the recipient now owes him a favor.
David Graebers Buch „Dept” wird derzeit viel diskutiert – in seinem Blogeintrag bei nakedcapitalism.com kann man eine knappe Zusammenfassung seiner Argumente finden.
(Via)
Dietrich Buxtehude: Membra Jesu Nostri
Die Musik beginnt bei ca. 2:30:
Wenn jemand freiwillig 400 Kilometer zu Fuß zurücklegt, muss er schon ein besonderes Ziel haben. Von Johann Sebastian Bach, damals 20 Jahre alt und schon zwei Jahre als Organist in Arnstadt, hören wir, dass er im Herbst 1705 diese Strecke von Arnstadt nach Lübeck gewandert ist. Im „Nekrolog“, verfasst von seinem Sohn C. Ph. E. Bach und J. F. Agricola, einem Schüler von J. S. Bach, ist zu lesen: „[…] ihn [J. S. Bach] bewog ein besonders starker Trieb, den er hatte, so viel von guten Organisten, als ihm möglich war, zu hören, daß er, und zwar zu Fusse, eine Reise nach Lübek antrat, um den dasigen berühmten Organisten an der Marienkirche Diedrich Buxtehuden, zu behorchen. Er hielt sich daselbst nicht ohne Nutzen, fast ein vierteljahr auf, und kehrete alsdenn wieder nach Arnstadt zurück.“
Er hatte vier Wochen „Bildungsurlaub“ erhalten, blieb aber fast vier Monate fort. Auf die Frage „[…] wo er unlängst so lange geweßen?“ gab er die Antwort: „Er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreiffen.“ So ist es aufgezeichnet im „Protokoll des Konsistoriums Arnstadt, 21.2.1706“.
Klaus Jürgen Thies: Dietrich Buxtehude und Bach (PDF).
J.S.Bach hat damals seinen „Bildungsurlaub“ nicht etwa abgebrochen, weil ihm am Werk des Lehrers nicht gelegen wäre. Buxtehude wollte ihn als seinen Nachfolger, verband das aber mit der Bedingung, daß der seine (mittlerweile knapp 40jährige) Tochter heiratet. Erst nach langem Zögern und wohl schweren Herzens verabschiedete sich Bach, und ging zurück nach Arnstadt, zu seiner Jugendliebe, Maria Barbara. – Diese Geschichte ist wahrscheinlich nur eine Legende; das macht sie nicht weniger wahrhaftig.
Eine meiner Hausstrecken auf dem Motorrad führt über Lübeck. Ich mache dort oft eine Pause, u.a., um die Marienkirche zu besuchen, in der Buxtehude begraben liegt, um dem Lehrer des Meisters meinen Respekt zu bezeigen.